Durcheinander

Eigentlich bin ich durchaus ein Mensch, der sich zu den meisten Dingen die mir begegnen eine Meinung bildet. Manchmal aus dem Bauch heraus, manchmal durch Recherche und oft durch die Menschen, die mich real und virtuell umgeben.

In Zeiten, wo in Frankreich wegen Karikaturen gemordet, wo Transsexuellen in Russland das Recht auf den Führerschein genommen wird und wo Deutsche gegen Menschen anderen Glaubens hetzen – wir können das, wir haben ja Übung – stehe ich da und weiß nicht, was ich denken soll.

Da werden Grundwerte mit Füßen getreten, die ich für selbstverständlich gehalten habe und ich stelle mir die Frage, ob all unser Gerede von Toleranz und Werten nur leeres Geschwätz ist, wenn solche Dinge nicht irgendwo weit weg, sondern direkt vor unserer Haustür passieren.

Was macht das denn mit mir, mit uns, mit unserer Gesellschaft? Die Politik reflext mit den zu erwartenden Rufen nach mehr Überwachung, in den Social-Media-Timelines wird nach Pegida- und AfD-Likes gefahndet und präventiv entfolgt und entfreundet und mit Entsetzen lese ich Sätze wie: „Die muss man nicht verstehen.“ Toleranz klingt anders, oder? Auch wenn’s schwer fällt.

Und es fällt schwer. Es ist verlockend, zu pauschalisieren und alles was auf -GIDA endet in eine tumb-rechte Ecke zu stellen. So, wie das so mancher Pegidist mit den Muslimen macht. So ein Feindbild ist schon was Feines, da kann man all seine Wut nehmen, sich empören und schön voll drauf projizieren – am besten ohne nachzudenken. Und Wut scheinen viele von uns in sich zu tragen; Wut auf die Politik, auf den Job, auf das Fernsehprogramm und vor allem auf die eigene Hilflosigkeit, irgendwas daran ändern zu können.

Wut und Hilflosigkeit sind keine gute Mischung. Als die französische Polizei die beiden Charlie-Hebdo-Attentäter im Visier hatte, war mein erster Gedanke: „Erschießt sie, verscharrt sie irgendwo und redet nicht mehr davon, um keine Märtyrer aus ihnen zu machen, den Radikalen nicht noch mehr Öffentlichkeit zu verschaffen und Pegida kein weiteres Öl ins Feuer zu gießen.“

Der zweite, beschämende Gedanke war: „Moment mal, du bist eingefleischter Gegner von Todesstrafe und Folter und hast gefühlt gerade die Fackel für den Scheiterhaufen in der Hand. Hallo?“

Als Teil der Generation X bin ich durchaus stolz auf Errungenschaften wie Umweltschutz in der Verfassung, Wiedervereinigung, ein fast grenzenloses Europa und gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Da war ich irgendwie dabei, habe dafür gestimmt, gewählt und sogar mal demonstriert. Was davon ist denn jetzt gewissenschmeichelnde Gutmenschelei und was echte Überzeugung? Und was davon bleibt übrig, sobald der Zorn sich Luft verschafft und das Denken trübt?

Da beißt das Gewissen und sobald Wut und Scham verraucht sind, bleibt ein blödes Gefühl im Bauch zurück. Mit etwas Nachdenken reift die Erkenntnis, dass ich und wohl auch einige mehr in unserem Lande bei echter, gelebter Toleranz noch ganz am Anfang stehen. Terror und Propaganda waren genau die Mittel mit denen Adolf H. damals seine braunen Massen hinter sich gesammelt hat. Die emotionalen Auswirkungen dieser Methoden funktionieren beim Einzelnen und bei den Ängstlichen auch heute wieder. Zum Glück reagieren nur Wenige darauf und die Gegenreaktionen sind kräftig, ein Stückchen sind wir offenbar doch gereift.

Wir dürfen die Toleranzlosen nicht gewähren lassen, genauso wenig wie die Gewalttätigen. Für letztere gibt es Gesetze und klare Grenzen. Ohne Verstehen jedoch wird es keine Toleranz geben, ohne Verstehen bleibt die Wut.

Vielleicht müssen wir Deutschen das Verstehen noch lernen. Der zweite Weltkrieg ist nun 70 Jahre her, ein Menschenleben lang. Aber was ist das schon? Ich bin 1970 geboren, habe 1989 Abitur gemacht. Seitdem sind 26 Jahre vergangen. Das ist ne Weile her, keine Frage, aber es kommt mir nicht vor wie eine Ewigkeit. Zum Zeitpunkt meiner Geburt war der zweite Weltkrieg gerade einmal 25 Jahre vorbei.

25 Jahre, in denen wieder aufgebaut und gewirtschaftswundert wurde. Und gleichzeitig verdrängt und verschwiegen, um den Nazi-Gestank aus den Köpfen zu bekommen. In den Herzen aber ist er geblieben. Unbearbeitet und unverstanden und bereit weiter an unsere Kinder vererbt zu werden. Vielleicht ist dieses aktuelle Durcheinander ein guter Moment, um dieses verhasste Erbe aufzuarbeiten, zu akzeptieren und zu verstehen. Wer versteht, hat keine Angst mehr und mit der Furcht vergeht die Wut. Und macht Platz für Toleranz. Echte, gelebte Toleranz.