Google Play: Das Online-Imperium baut seinen Todesstern

Autor: Fabian Kern, Lektor: Peter Schmid-Meil

Seit März heißt der Android Marketplace nun Google Play – statt dem grasgrünen Roboter-Männchen-Look hat der App-Shop nun eine sachliche, aufgeräumte Oberfläche. Was für Kunden, Partner und Beobachter des Suchmaschinen-Konzerns zunächst wie ein harmloser Facelift aussieht, ist wohl weit mehr: Nämlich der erste Schritt zum Aufbau einer breit angelegten Infrastruktur für ein rein Browser-basiertes Technik-Ökosystem, das Google zum Spitzenreiter in der Online-Content-Vermarktung von Medien aller Art machen soll.

In der Endausbaustufe, in Amerika bereits in weiten Teilen realisiert und online, wird Play folgende Komponenten umfassen, die alle auf tiefer Integration mit den einzelnen Strängen von Googles Technologie-Strategie beruhen:

1. Play als integrierte Shop-/Download-Plattform für Content und Apps

  • Audio: Durch Rechtevereinbarungen mit Musik-Anbietern wie Universal, EMI, Sony sowie der Rechteverwertungsagentur Merlin kann Google Music mit einem Start-Sortiment von geschätzten 13 Millionen Stücken an den Start gehen. Die Partnerschaft mit Merlin erlaubt ein rechtssicheres Angebot auch für die Bands von Independent-Labels wie z. B. Rough Trade, PIAS, Epitaph oder Naxos.
  • Video: Zum kompletten Content-Pool von youtube.com als Plattform für user generated Video kommen Filme und Serien kommerzieller Anbieter als kostenpflichtiger Download hinzu. Neben dem Kauf ist eine Verleih-Funktion/ Online-Videothek integriert.
  • E-Books: Zusätzlich zum kostenpflichtigen Angebot der Verlage als Content-Lieferanten stellt Google die kompletten Ergebnisse seiner Digitalisierungs-Initative als Pool ein. Die Preview-Funktion, die in Deutschland als Google Book Search bekannt und direkt in die Suchmaschine integriert ist, führt hier nahtlos zum Content, falls dieser für Verkauf/Download zur Verfügung steht.
  • Android Apps: Die Apps aus dem ehemaligen Marketplace werden nun über Play angeboten. Während die meisten der Anwendungen für Privatkunden nach wie vor kostenlos sind, profitiert Google von der Umsatzbeteiligung an den wenigen Top-10-Titeln aus dem Gaming-Bereich. Ähnlich der Unternehmenspolitik bei den Suchmaschinen-Tools werden die Business-Apps für Geschäftskunden als Cash Cows herangezogen.

Kostenlose und bezahlpflichtige Inhalte aus allen Bereichen werden in Play also nebeneinander angeboten und durch die Indexierung der Suchmaschine komplett über google.com suchbar. Jeder Content-Link ist mit den üblichen Share/Like-Funktionen für Social Networks verbunden.

2. Player/Reader für den Content im Browser

Ein Killer-Feature von Play ist die Tatsache, dass die Player bzw. Reader für alle Content-Typen HTML5-basierte Webanwendungen sind und somit ohne zusätzliche Software direkt im Browser ausgeführt werden – also ein fundamentaler Unterschied zu Apple iTunes und Microsofts MediaPlayer. An dieser Stelle macht sich für Google die Unterstützung diverser Open Source-Initiativen im Media-Bereich bezahlt:

  • Audio: MP3-Dateien kann mittlerweile jeder gängige Web-Browser abspielen – dass bei den Google-Tools hier auf diesen weitgehend offenen und nur für Hardware-Hersteller lizenzpflichtigen Codec gesetzt wird, ist also kein Wunder.
  • Video: Nach dem Kauf des Video-Technologie-Unternehmens On2 im Februar 2010 und der Veröffentlichung von VP8 als lizenzfreiem Video-Codec führt das WebM-Projekt die Welle der Implementierungen in frei verfügbaren Bibliotheken an. Google wiederum profitiert von diesem „Geschenk an die Open Source-Szene“ indirekt dadurch, dass jeder Content-Anbieter einen modernen Video-Codec verwenden kann, ohne dass Lizenzstreitigkeiten als Damokles-Schwert über seinem Geschäftsmodell schweben. Also: Ein freier Codec für alle.
  • E-Book: Vor dem Hintergrund des Books-Moduls von Play wird auch das Engagement von Google im Readium-Projekt verständlich. In dieser Initiative für eine Referenz-Implementierung des EPUB3-Standards wird ausschließlich auf HTML5-Technologien gesetzt, und auch das technische Setup zeigt klar die Stoßrichtung für die Zukunft. Der E-Book-Reader ist nichts anderes als ein in Javascript geschriebenes Plugin für Googles Chrome-Browser. Durch enge Kooperation der Entwicklerteams ist mittelfristig geplant, die EPUB-Darstellung direkt in die Backend-Bibliothek WebKit zu integrieren. Da WebKit nicht nur in Chrome, sondern auch in E-Book-Readern wie iBooks (Apple) oder dem neuen Kindle-Browser (Amazon) als Bibliothek für HTML-Rendering und Javascript-Interpretation verwendet wird, wäre der Gewinn für Entwickler, Content-Anbieter und Kunden ganz erheblich: Eine durchgehende, einheitliche und verlässliche Browser-Unterstützung für EPUB3 als E-Book-Branchenstandard für alle wichtigen Readersysteme. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass für amazons Kindle, Apples iBooks und Googles Play nur EINE einzige E-Book-Produktionsstrecke nötig ist.

Readium als HTML5-EPUB-Reader liegt zwar erst in der zweiten Alpha-Version 0.19 vor und ist noch weit von voller EPUB3-Unterstützung entfernt, aber EPUB-2.0-E-Books sehen darin bereits jetzt ziemlich gut aus – und das in einem Browser:

Quelle/Copyright: Fabian Kern, unter Verwendung von Content der Haufe Gruppe

Was bei Testern aus der Welt der PC-Zeitschriften immer wieder für Verwunderung und hämische Kritiken sorgt, ist die Tatsache, dass alle Tools und Werkzeuge in der Regel bereits im Alpha- oder Beta-Stadium live gestellt werden. Doch dieses Vorgehen hat Methode: Durch den frühen Projektstart, das Offenlegen der technischen Daten, Schnittstellen und oft sogar des Quellcode profitiert Google in seiner agilen Entwicklungspolitik immens durch das Feedback von tausenden Open-Source-Entwicklern und hunderttausenden Kunden, die als Beta-Tester unter realen Bedingungen die stetige Verbesserung der Systemlandschaft möglich machen.

3. Die Wolke als Content-Speicher

Alle über Play erworbenen Inhalte werden in einem bei Google gehosteten Cloud-Speicher vorgehalten. Sie stehen damit auf jedem Gerät des Nutzers zur Verfügung, auf dem ein Browser läuft – ohne Notwendigkeit zur Synchronisation von Inhalten oder Download der Dateien. Für den Gebrauch ohne Online-Verbindung können Inhalte zwar auch über das Offline-Browsing-Feature von HTML5 lokal repliziert werden, notwendig ist dies aber nicht. Für Gerätehersteller, die auf Google-Technologien setzen, ist das ein zentraler strategischer Vorteil: Festplatten und lokaler Speicher können deutlich kleiner gehalten werden als dies z. B. unter Apples iOS möglich ist, die Leistungsfähigkeit der Geräte-Akkus als limitierender Faktor für die Weiterentwicklung der Hardware wird damit zumindest teilweise umgangen. Der Nachteil dieses schlanken Systemaufbaus: Ohne Online-Anbindung geht nicht viel.

Übrigens ist auch der Upload von eigenen Dateien in den meisten üblichen Dateiformaten möglich. Die Daten werden im selben Cloud Storage gehalten wie gekaufter Content; alle Inhalte werden mit dem Google-User-Account verknüpft und in Google+ integriert. Der Speicherplatz ist zwar bei den kostenlosen Nutzerkonten nicht unbegrenzt, dürfte aber selbst für große Medienbibliotheken einige Zeit reichen (z. B. 20.000 Musik-Dateien – selbst audiophile Sammler wie der Autor haben hier eine Weile zu tun, bis der Speicher voll ist).

Für den Kunden wird das ganze einmal so aussehen:

Quelle/Copyright: Google

Der nächste Schritt – ein Native Client für Apps im Browser

Soweit, so gut, Player und Reader im Browser gibt es also für Audio, Video und E-Books, aber was ist mit den Apps? Dazu passt frisch aus den Google Labs ein Software-Projekt mit dem für Nicht-ITler zugegeben kryptischen Namen „Native client“. Dahinter verbirgt sich ein innovativer Ansatz zur Erweiterung eines Browsers um die zentralen Funktionen eines Betriebssystems. Dabei werden zwei Komponenten in den Browser integriert:

  1. Der eigentliche „Native client“, eine schlanke und hochperformante C-Bibliothek zur Ausführung von nativen C/C++-Anwendungen innerhalb einer Application-Sandbox des Browsers. Auf Deutsch: Der Browser wird zum Betriebssystem – und dabei ist es irrelevant, ob er unter Windows, Mac OS oder was auch immer läuft. Er kann Programmcode ausführen und verfügt über eine eigene Speicherverwaltung,  Anzeige und UI-Rendering der laufenden Anwendungen übernimmt dabei WebKit als HTML5/CSS/Javascript-Bibliothek.
  2. Eine Hardware-Abstraktionsschicht namens „Pepper“: Hier sind die Bibliotheken für File-Input/Output, Audio/Video-Ansteuerung und UI-Rendering realisiert, die an die konkrete Hardware des Gerätes weitergeleitet werden müssen, damit eine Anwendung auf die Systemressourcen zugreifen kann.

Das Anwendungsmodell sieht dabei etwa so aus:

Quelle/Copyright: Google, Native Client Project

Dass parallel mit Dart als Anwendungssprache und Go als Sprache für Server-Funktionen und Systemprogrammierung von Cloud-Applikationen zwei weitere Entwickler-Komponenten veröffentlicht werden, ist sicher kein Zufall: Neben einer modernisierten, auf die Google-Infrastruktur angepassten Anwendungsumgebung deutet sich in den technischen Spezifikationen die Möglichkeit an, ähnlich wie im Silk-Browser von Amazon sogar die Rechenoperationen der Applikationen je nach Notwendigkeit auf den Hardware-Client und Cloud-Services aufzuteilen.

Gelingt es Google, dieses Modell stabil, performant und sicher zu realisieren, wäre das ein Quantensprung für die App-Entwicklung, denn damit wäre es möglich, native Anwendungen in C/C++/Javascript direkt im Browser und unabhängig von der Hardware des Gerätes auszuführen. Sprich, Google Play inklusive aller Apps funktioniert auf jedem Gerät, auf dem ein Browser läuft – völlig egal, welcher Prozessor, welcher Speicher dort eingebaut ist und völlig egal, welches Betriebssystem darauf läuft. Also jedem SmartPhone, PC, Mac, Tablet, E-Book-Reader, jeder Spielkonsole, jedem modernen Fernseher, überall!

Google Play und sein Backend – eine Sammlung von Killer-Applikationen?

Für Europa wird dieses Szenario sicher noch für einige Zeit Zukunftsmusik bleiben, zum einen wegen der hierzulande umstrittenen und fragmentierten Urheberrechts-Situation für den Content, zum anderen weil das für Online-Ökosysteme notwendige Breitband-Internet über Mobilfunk noch lange nicht flächendeckend verfügbar ist. Die komplette Content-Integration im Browser ist jedoch bereits eine so moderne Weiterentwicklung der Konzepte, die Apple wie Amazon durch ihre weitgehend proprietären und geschlossenen Hardware/Software-Kombinationen realisieren, dass Google sich durch seine reine Online-Orientierung quasi als Parasit in alle anderen Ökosysteme einnisten kann, auf denen Chrome als Browser lauffähig ist.

Kann darüber hinaus aber auch noch der Native-Client-Ansatz technisch sauber realisiert und in der Entwickler-Szene durchgesetzt werden – hier sind noch viele Fragen offen bei kritischen Themen wie Sicherheit oder Datenhoheit  – wäre das nicht weniger als ein breit angelegter Großangriff auf alle anderen Ökosysteme, Hardware- und Software-Anbieter auf einmal. Ob das gelingt, da bin ich gespannt, denn Google Play und der Native Client sind noch lange nicht fertiggestellt und voll einsatzfähig, aber ein Stück vom Todesstern ist bereits sichtbar. So stellt sich die Frage, wann es heißen wird „Schalten Sie die Hauptzündung ein…“

Quelle/Copyright: Lucasfilm Ltd.

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