E-Book – The Next Generation: amazons neues Kindle-Format KF8

Autoren: Peter Schmid-Meil, Fabian Kern

Welch Ehre: Das amazon-Kindle-Team höchstselbst hatte geladen, um einen Überblick des neuen Kindle-Formats 8 (KF8) zu geben. Dazu war eigens Alan Gilchrest, seines Zeichens Sr. Manager Product Management für das Kindle Format aus der Konzernzentrale in Seattle angereist und hat sich unseren Fragen gestellt. Was also bietet KF8, was ist neu und was funktioniert eventuell nicht mehr?

Zuerst ein kurzer Blick zurück

Vier Jahre ist das aktuelle Format Mobi7 alt, in dem alle E-Books auf den bisher in Deutschland erhältlichen Kindle-Modellen dargestellt werden. Originales EPUB zeigen die Kindles nicht an, amazon wandelt diese Daten um, bevor sie in den Kindle Store wandern. Die Darstellungsmöglichkeiten von MOBI sind beschränkt und in etwa vergleichbar mit dem HTML-Standard 3.2, der bereits 1997 durch HTML 4.0 ersetzt wurde – höchste Zeit also für eine Aktualisierung.
Für Mitmenschen, die noch Zeitzeugen der ersten Browserkriege waren: Die Kindle Reader können mit MOBI etwa so viel HTML und CSS darstellen wie der Internet Explorer 4.0 vor 10 Jahren, nämlich nahezu NICHTS.

Zurück in die Gegenwart bzw. Zukunft

Somit bedeutet dieses Technical Preview ein riesengroßes Aufatmen – amazon überspringt mit KF8 gleich zwei Generationen der Web-Entwicklung und steigt direkt im Jahre 2012 wieder ein und schließt damit zu Apples iBooks auf. Denn KF8 verspricht rein technisch eine weitgehende Unterstützung von HTML5 und CSS3. Das bedeutet zum Beispiel konkret:

  • Reflow Layouts, die für die jüngste Generation E-Book-Reader erstellt wurden, werden nun auch für den Kindle sinnvoll konvertiert und dargestellt. Die Zeit des „Tag für Tag“- und „CSS-property für CSS-property“-Testens, ob die EPUB-Dateien auch wirklich auf der amazon-Plattform ankommen, könnte also bald vorbei sein.
  • Fixed Layouts mit präziser Stylekontrolle werden möglich. Wer sich dafür entscheidet, verliert allerdings die Vorzüge von klassischen EPUB-Features wie z. B. der Schriftgrößenveränderung mit automatischem Neuumbruch.
  • Für alle Content-Lieferanten, die bereits eine EPUB-Produktionslinie auf Basis des momentanen Stands der Technik aufgebaut haben: wer Standard-konformes HTML/CSS für seine Inhalte verwendet, kann sich darauf verlassen, dass seine Inhalte nicht mehr wie Kraut & Rüben beim Kindle ankommen, sondern so wie sie sollen.
  • Eingebettete Schriftarten, d.h. eine Typographie, die ihren Namen verdient, wird möglich. Heißa! (zumindest wenn man stolzer Besitzer von OTF/WOFF-Types ist)
  • Audio- und Videounterstützung. Das ist echtes Enhancement, das kann Papier definitiv nicht. Klingt erstmal super, könnte aber im Detail schwierig werden. Denn es ist noch ist noch klar, welche Codecs und Formate hier funktionieren.
  • Verbesserte Tabellendarstellung, vor allem eine iBooks-ähnliche Overlay- und Zoom-Funktion.
  • Verbesserte Darstellung von Grafiken und Bildern. Egal wie groß sie sind, sie  lassen sich in eigenem Fenster öffnen. Zwei-Finger-Pinch-and-Zoom à la Apple heißt die Devise, v.a. bei den Touch-Devices a la Kindle Fire (so sie dann mal in D erhältlich sind).
  • Panel Views, also z. B. die gezielte Vergrößerung und Hervorhebung von Texten oder Abbildungen werden Standard-Funktion. Ideal für Comics oder Kinderbücher, vermutlich auch für Kochbücher. Bildunterschriften oder kurze Text-Erklärungen zu Bildern und Grafiken lassen sich als sogenannte „Text Pop-Ups“ definieren und per Antippen vergrößern.
  • Interaktive und dynamische Contents. Definitiv ein Schlüsselfaktor für die Enhanced E-Books von morgen! HTML5 erlaubt das Einbetten von Programmcode, sprich von Funktionen wie man sie bislang nur von Programmen und Webseiten kennt wie z. B. Spiele, interaktive Grafiken etc. Aber was hier genau unterstützt wird und vor allem wann, ist noch nicht ganz klar. Sagen wir mal, wir freuen uns auf die nächste Technik-Session mit amazon und reden in 2013 nochmal drüber :-) Ob am Ende anspruchsvolle Mehrwert-Anwendungen wie Multiple Choice-Tests in E-Books, bedingt angezeigte Texte aufgrund Leserentscheidungen etc. möglich werden, oder nur audio-visuelle nette Goodies a la „die Sonnenblume auf der Buchseite lacht auf, sobald der Leser auf das Bild tippt“ – da lassen wir uns mal überraschen und hoffen auf den maximalen Kundennutzen.
  • Eine Interaktion mit Online-Inhalten – also ähnlich wie bei Web- oder Hybrid-Apps für SmartPhones – wird es bis auf weiteres wohl nicht geben. Das dürfte einen der Hauptunterschiede zwischen E-Books und Apps darstellen.

Beispiele und passende Tools finden Sie unter www.amazon.com/kindleformat.

Ein EPUB für alle!

Wer sich bereits mit Apple iBooks intensiv auseinandergesetzt hat, dem mag das alles ein müdes Gähnen entlocken, unterstützt iBooks doch HTML5/CSS3 schon länger. Aber genau hier werden KF8 und die neuen Kindles so richtig effektiv. Bislang waren für eine optimale Darstellung von E-Books auf beiden Plattformen unterschiedliche Dateien notwendig, alles andere war ein Kompromiss. Diese Zeiten sind jetzt vorbei – mit einer EPUB-Datei und identischen, darin eingebetteten HTML/CSS-Dateien sind beide Reader richtig gut bedienbar.

Und wer noch mehr Differenzierung für den „Feinschliff“ braucht – die beiden Kindle-Plattformen KF8/Mobi sind nun per CSS-Media-Queries addressierbar, sprich die Darstellung richtet sich nach dem Reader, auf dem sie angezeigt wird.  Wenn also alles andere nichts hilft, um auf wirklich allen Readern die gewünschte Darstellung zu erreichen: Fragen Sie den Webdesigner ihres Vertrauens und lassen sie sich auf Basis derselben HTML-Daten zwei oder mehr verschiedene CSS-Ausgaben erstellen.

Als Basisdaten für KF8 sind – Jubelrufe sind erlaubt – EPUB3- oder HTML5-Dateien erlaubt. Ein weiterer Vorteil: Trotz der größer werdenden Vielfalt der Kindle-Geräte genügt trotzdem eine E-Book-Datei. Für jede Kindle-Variante wird automatisch die richtige Version ausgeliefert. Über Kontroll-Tools wie den Kindle Previewer und KindleGen sind eine ziemlich genaue Vorschau und eine passende Konvertierung jederzeit möglich.

Webkit als Anzeige-Maschine

Aber was passiert, wenn man KF8 so richtig ausnutzt? Ein voll aufgerüstetes Enhanced E-Book funktioniert am besten auf dem neue Reader-Flaggschiff, dem Kindle Fire. Als modifiziertes Android-Tablet verfügt er über einen leistungsstarken Prozessor und verwendet einen Webkit-Browser zur Anzeige von E-Books – ein analoges Verfahren nutzt übrigens Apple, die iBooks-App basiert auf dem Webkit-Browser Safari.

A propos „Webkit“ – die Nachricht, dass die neue amazon-Reader-Plattform nun auch auf dieser Backend-Bibliothek aufsetzt, entlockt dem Autor dezente Jubelrufe – weniger weil man Fan dieser Open-Source-Bibliothek ist (das sowieso), sondern weil das eine enorme Arbeitserleichterung bedeutet. Denn nun setzen alle E-Reader-Plattformen der zweiten Generation – iBooks (Apple), Readium (Adobe, Google, Sony, etc.) und Kindle (amazon) –  auf derselben Engine für die Darstellung von HTML/CSS und die Interpretation von Javascipt auf!

Auf Deutsch: Die Zeit, in der wir Verlage ganze Heere an Dienstleistern damit beschäftigen müssen, „low level-testing“ für viele verschiedene EPUB-Browser zu praktizieren wie in den schlimmsten Zeiten der Web-Jungsteinzeit, nur um eine Text-Darstellung zu erreichen, bei der man nicht beide Augen zudrücken muss, um ein Produkt aus dem Haus zu lassen, könnte in 1-2 Jahren vorbei sein. Und wir können unsere Leute dafür einsetzen, wirklich werthaltige Dinge zu tun, z. B. coole Produktdesigns entwickeln, neue Geschäftsmodelle unterstützen, sich endlich über echten Kundennutzen Gedanken zu machen usw… Klasse, ich freu mich drauf.

Und was ist mit den „alten“ Kindles?

Auch ältere Kindles – sprich die beiden bisher in Deutschland verkauften Varianten mit und ohne Keyboard – werden per Systemupdate auf KF8 aktualisiert. Also sind auch hier keine Sonder-EPUBs für ältere amazon-Reader nötig, die Verlage können sich also entspannt zurücklehnen.

Tja, und was geschieht, falls der Kunde ein Enhanced E-Book kauft und keinen Kindle Fire sein Eigen nennt, sondern „nur“ ein älteres Gerät? Auch hier gibt es Abhilfe. Zuerst zur Optik: Über die o.g. Media Queries ist es möglich, das genutzte Endgerät zu erkennen und das Layout per CSS anzupassen – ohne zu Inhalte anfassen zu müssen.

Jetzt zur Funktionalität: Ist ein Endgerät nicht in der Lage z. B. eine per JavaScript gesteuerte Funktion auszuführen, bleibt das E-Book dennoch in seiner Gesamtheit nutzbar. Jede nicht umsetzbare Technik wird je nach den Möglichkeiten des genutzten Kindle Stück für Stück abgeschaltet, so bleibt immer der maximale Funktionsumfang erhalten. Dieses Vorgehen ist unter dem Begriff „graceful degradation“ bekannt und sorgt erfahrungsgemäß für minimale Fehlerquoten.

Wer auf einen modernen Kindle upgradet verliert übrigens keine persönlichen Daten. Notizen, Lesezeichen und Markierungen sollen beim Umzug auf das neue Gerät laut amazon erhalten bleiben.

Unser Fazit

F8 in Einheit mit EPUB3 bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass nun Enhanced E-Books mit exakten Layouts und erweiterten Funktionen möglich sind. Erlaubt ist, was mit HTML5, CSS3 und JavaScript machbar ist – und das ist eine ganze Menge! Mehr denn je sind Verlage gefordert, sich diesen Technologien zu stellen, sich entsprechendes Know-how anzueignen und ihre Produktentwicklung den neuen Möglichkeiten anzupassen.

Erfreulich war die Offenheit, mit der amazon diese Informationen weitergegeben hat, bitte weiter so! Allerdings schade, dass wir trotz mehrfachen Nachfragens keine genauen Termine für den Rollout von KF8 und das Erscheinen der neuen Kindles auf dem deutschen Markt erfahren konnten. Aber für das zukunftssichere Erstellen von EPUBs ist KF8 für die nächsten Jahre ein echter Fortschritt.

 

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