Das Projekt Readium: EPUB3-Beschleuniger oder Lesespaß-Bremse?

Das IDPF hat verkündet, dass sich alle Player der E-Book-Branche zum Projekt Readium zusammenschließen, um die konsequente Umsetzung des EPUB3-Standards für E-Books zu beschleunigen. Wirklich alle? Fast. Die beiden großen „A“s amazon und Apple tauchen in der Mitspielerliste nicht auf. Komisch, was?

Im ersten Moment liest sich alles ganz gut. Sich Webkit als technische Basis auszusuchen ist naheliegend und keine dumme Idee – die Google- und Apple-Browser Chrome und Safari laufen damit, für den auf der Gecko-Engine basierenden Firefox gibt es EPUB-PlugIns. Aber wie beim W3C oder anderen Gremien aus verschiedenen Großunternehmen stellt sich die Frage, ob die Projektmitglieder wirklich an einem Strang ziehen oder nicht.

Falls das alles klappt, können wir alle unsere gerade in Arbeit befindlichen EPUB2-Konvertierungs-Workflows schnell fertig machen, kurz durchschnaufen statt in den Urlaub zu fahren, ein Bier trinken und uns an die EPUB3-Workflows setzen. Inklusive fixed Layouts, die damit dann eigentlich möglich sein müssten.

Allerdings ist die konsequente Darstellung der EPUB3-Konvention trotz fixes Layout nur die halbe Miete. Das wirklich Spannende ist die Skriptfähigkeit von HTML5. Sprich, man kann endlich rein browserbasiert Zusatzfunktionalitäten wie Spiele, interaktive Grafiken etc. einbauen und somit echte Enhanced E-Books bauen. Zehn Beispiele was HTML5 ermöglicht, finden sich z. B. hier. Einfach auf die Überschriften klicken und bitte keinen alten Internet Explorer benutzen, sondern möglichst die aktuellen Ausgaben von Chrome, Safari oder Firefox.

Bitte nicht irritieren lassen, auf diesen Seiten steckt KEIN Flash dahinter, das ist pures HTML5/CSS3 mit JavaScript, sprich diese Dinge laufen rein im Browser! Wer’s nicht glaubt, möge sich den Quellcode anschauen. Hier wird es interessant, was die Reader wirklich darstellen können, sobald EPUB3 implementiert ist. Die Tabletts dürften dabei klare Vorteile gegenüber den E-Ink-Geräten haben, die Displays sind viel schneller und die Rechenleistung ist größer.

Außerdem verändert das die Landschaft der Content-Generierung noch schneller als bislang. Verlage können Text, aber können Sie auch Funktionalität, sprich Software? Und damit meine ich nicht nur einen JavaScript-Programmierer einstellen und „Mach mal“-Sagen, sondern bisherige Printprojekte wirklich neu denken?

Ob Readium nun ein Erfolg wird oder nicht erscheint mir zweitrangig – EPUB3 mit HTML5 kommt so oder so. Die Quintessenz bleibt gleich: Liebe Branchenkollegen, selbst falls ihr eure Ärmel schon hochgekrempelt haben solltet, krempelt sie höher! Und zwar flott!

4 Gedanken zu „Das Projekt Readium: EPUB3-Beschleuniger oder Lesespaß-Bremse?“

  1. Die Schwachstelle im EPUB3-Standard ist richtig dargestellt. Der EPUB3-Standard enthält kein JavaScript und damit auch keine Vorgaben dafür.
    Die Diversität, die wir in der EPUB2-Welt bei der unterschiedlichen Interpretation von CSS und damit bei der Textdarstellung sehen, könnte bei EPUB3 gelöst sein. Eine ähnliche Baustelle werden wir aber beim Javascript-Rendering haben. Das heißt, Interaktivität ist damit nicht standardisiert, sondern muss im Zweifel an die verschiedenen Systeme angepasst werden.
    Aber grade solchen Produkten sollte eine sinnvolle nutzerorientierte Konzeption vorausgehen. Denn Interaktivität ist relativ zu den bisherigen EPUB-Preisen teuer. Und dieses Geld könnte schnell versenkt sein.

  2. „Der EPUB3-Standard enthält kein JavaScript und damit auch keine Vorgaben dafür.“ – das aus dem Beitrag herauszulesen ist ein Mißverständnis bzw. stimmt in dieser Form schlicht nicht: In ePub 2 war das eine deutliche Lücke (die jedoch einige Hersteller z.B. Apple auch nicht davon abgehalten hat, Scripting in eBooks dennoch zuzulassen), die aber mit EPUB3 geschlossen wurde. Im Detail nachzulesen hier:

    http://idpf.org/epub/30/spec/epub30-overview.html#sec-scripting
    http://idpf.org/epub/30/spec/epub30-contentdocs.html#sec-scripted-content

    Was in der Tat ein größeres Problem werden könnte, was fehlende Vorgaben angeht: Der Einsatz unterschiedlicher Javascript-Engines und die damit verbundenen Kompatibitätsprobleme. Nachdem jedoch mittlerweile alle großen Playern im eBook-Markt hier die Karten offen gelegt haben, läßt sich absehen, dass sowohl Apple, als auch Amazon, und wie hier beschrieben auch Adobe/Google/Sony etc. als Backend-Technologie auf WebKit bzw. die darin integrierte Javascript-Engine setzen. D.h. die Probleme auf dieser Ebene dürften sich hoffentlich in Grenzen halten.

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