Das Projekt Readium: EPUB3-Beschleuniger oder Lesespaß-Bremse?

Das IDPF hat verkündet, dass sich alle Player der E-Book-Branche zum Projekt Readium zusammenschließen, um die konsequente Umsetzung des EPUB3-Standards für E-Books zu beschleunigen. Wirklich alle? Fast. Die beiden großen “A”s amazon und Apple tauchen in der Mitspielerliste nicht auf. Komisch, was?

Im ersten Moment liest sich alles ganz gut. Sich Webkit als technische Basis auszusuchen ist naheliegend und keine dumme Idee – die wichtigsten Browser wie Chrome, Safari und Firefox laufen damit. Aber wie beim W3C oder anderen Gremien aus verschiedenen Großunternehmen stellt sich die Frage, ob die Projektmitglieder wirklich an einem Strang ziehen oder nicht.

Falls das alles klappt, können wir alle unsere gerade in Arbeit befindlichen EPUB2-Konvertierungs-Workflows schnell fertig machen, kurz durchschnaufen statt in den Urlaub zu fahren, ein Bier trinken und uns an die EPUB3-Workflows setzen. Inklusive fixed Layouts, die damit dann eigentlich möglich sein müssten.

Allerdings ist die konsequente Darstellung der EPUB3-Konvention trotz fixes Layout nur die halbe Miete. Das wirklich Spannende ist die Skriptfähigkeit von HTML5. Sprich, man kann endlich rein browserbasiert Zusatzfunktionalitäten wie Spiele, interaktive Grafiken etc. einbauen und somit echte Enhanced E-Books bauen. Zehn Beispiele was HTML5 ermöglicht, finden sich z. B. hier. Einfach auf die Überschriften klicken und bitte keinen alten Internet Explorer benutzen, sondern möglichst die aktuellen Ausgaben von Chrome, Safari oder Firefox.

Bitte nicht irritieren lassen, auf diesen Seiten steckt KEIN Flash dahinter, das ist pures HTML5/CSS3 mit JavaScript, sprich diese Dinge laufen rein im Browser! Wer’s nicht glaubt, möge sich den Quellcode anschauen. Hier wird es interessant, was die Reader wirklich darstellen können, sobald EPUB3 implementiert ist. Die Tabletts dürften dabei klare Vorteile gegenüber den E-Ink-Geräten haben, die Displays sind viel schneller und die Rechenleistung ist größer.

Außerdem verändert das die Landschaft der Content-Generierung noch schneller als bislang. Verlage können Text, aber können Sie auch Funktionalität, sprich Software? Und damit meine ich nicht nur einen JavaScript-Programmierer einstellen und “Mach mal”-Sagen, sondern bisherige Printprojekte wirklich neu denken?

Ob Readium nun ein Erfolg wird oder nicht erscheint mir zweitrangig – EPUB3 mit HTML5 kommt so oder so. Die Quintessenz bleibt gleich: Liebe Branchenkollegen, selbst falls ihr eure Ärmel schon hochgekrempelt haben solltet, krempelt sie höher! Und zwar flott!

Eine kleine Office-Satire

Ich hab ja grad Zeit. Warum? Weil mein Office 2010 gerade “repariert” wird. Und das dauert. Also erzähle ich meine ganz persönliche Jahreseinstands-Bürosatire aus dem echten Leben:

Es begann Ende Dezember mit einer Ordre de Mufti “Sie bekommen jetzt Office 2010, da gibts ein neues Planungstool.” Fein, wird das alte Office XP mal abgelöst – auch wenn die Planung erst im Herbst ansteht.

Dann die Ansage der IT-Abteilung: “Sie können das mit dem Installieren ja selbst, starten Sie einfach im Verzeichnis XY die eine Batch-Datei da.” War das jetzt Faulheit oder Vertrauen? Egal, so habe ich die Entscheidung, wann das Ganze bei mir reinpasst, auch gut. Also los, vor der Mittagspause die Installation starten, läuft alles wunderbar, nach einer halben Stunde läuft alles.

Naja, fast alles. Diverse bislang 1-seitige Excel-Ausdrucke werden nun in 20 Seiten zerhäckselt. Aber nur auf dem Schwarz-weiß-Drucker, der Farblaser macht alles wie gehabt. Die IT-Abteilung ist ratlos, selbst der mörderfitte Abteilungs-Student gibt nach einer Stunde Ursacehnforschung auf. Ich wittere ein Komplott der Farbtoner-Produzenten.

10 Tage später: Jedes Office-Programm meldet sich beim Start mit der Meldung “Ihre Office-Version ist nicht aktiviert. Sie können Outlook/Word/Excel nur noch 3 Tage nutzen”. Der Countdown läuft. Auf einmal überkommen mich Ängste – will man mich loswerden? Schnell die anderen Planungs-betroffenene Kollegen fragen! Dann erleichtertes Aufatmen, denen geht’s genauso. Also eine Mail an die IT-Abteilung geschrieben – in der Hoffnung die Antwort noch rechtzeitig zu erhalten, bevor sich Outlook nicht mehr starten lässt.

Und tatsächlich, rechtzeitig kommt eine Mail! “Den Aktivierungs-Key finden Sie unter XY.” Prima. Klicken wir doch gleich mal in Outlook auf “Productkey ändern.” Pause. Fingertrommeln auf dem Tisch. Keine Antwort. Na gut. Man gibt ja nicht auf, also wo zur Hölle gibt man diesen Code manuell ein? 5 Minuten später kenne ich jedes Outlook-Menü, das Gesuchte war nicht dabei. Also starte ich die Programmhilfe und suche. Und was lerne ich dabei? Seitdem MS die Suchmaschine Bing sein Eigen nennt, landet jede Hilfesuche nicht nur in den Hilfedateien des Programms, sondern vor allem im Internet. Auf irgendwelchen Office-Tippseiten. Was sich bei der Suche nach einer Excelfunktion noch als Katastrophe herausstellte, funktioniert hier zum Glück ganz gut.

Also: Systemsteuerung aufrufen, “Software” anklicken, Office 2010 auswählen und auf den “Ändern”-Button klicken. Productkey eingeben und jetzt ist alles gut. Wie üblich rödelt die Festplatte noch eine Weile und wie üblich verlangt Windows einen Neustart. Einen Kaffee später starten Excel, Word und PowerPoint problemlos. Aber wo zur Hölle ist mein Outlook? Weg! Getilgt! Keine outlook.exe mehr auf dem Rechner. Trotz des richtigen Productkeys!

Ratloses Schulterzucken in der IT. “Hm, probieren Sie mal die Reparaturfunktion von Office. Sie finden Sie unter Systemsteuerung – Software…” ” Ja, ich WEISS!” Tja, und jetzt ist sie gerade fertig geworden, die Reparaturfunktion. Und Windows verlangt einen Neustart. Dann schau mer mal, was jetzt passiert, sobald Windows neu startet. Ich hol mir derweil mal nen Kaffee…

Medien-Stimmungsbild USA: Lesen ja – Bücher nein

Endlich mal wieder Urlaub – der leider gerade eben vorbei ist. Das Ziel war mal wieder die USA. Eine Woche mit lauter amerikanischen und kanadischen Touristen auf einer Kreuzfahrt nach Mexiko und eine Woche privat untergebracht in San Francisco.

Es heißt, die USA sind uns in Punkto Mediennutzung etwa zwei Jahre voraus. Tja, wenn das stimmt, dann werden sich Wälder freuen, denn papierbasierte Medien sind dort bereits schwer auf dem Rückzug. Und auch das Fernsehen darf sich warm anziehen, zumindest einige Zielgruppen haben es bereits komplett durch das Internet ersetzt.

Auf dem schicken Kreuzfahrtschiff konnte man ganz hervorragend beobachten, ob und wie die Menschen zu reinen Unterhaltungszwecken lesen. Und gelesen wurde viel! Allerdings in erster Linie per Reader und iPad. Ich wage zu behaupten, dass auf diesem 3000 Gäste fassenden Schiff mehr eBooks über den Pazifik geschippert sind als physische Bücher. Ach, das glauben Sie nicht? Sehen Sie selbst, hier ein typischer Schnappschuss:

lauter Reader, keine Bücher

Lauter Reader, keine Bücher

Im Übrigen alles ältere Herrschaften, keine Techies. Letztere waren allerdings auch an Bord, aber meistens im Schatten – deren iPads vertragen so wenig Sonne wie ihre Haut:

Juhu, ein Buch!

Juhu, ein Buch!

Der eBook-Nachschub war übrigens an Bord kein Problem, das Offshore-WLAN war zwar nicht besonders schnell und nicht ganz billig, aber für ein oder zwei eBook-Downloads ideal.

Passend dazu war die Buchladenlandschaft in San Francisco. Die großen Buchhandlungen, in denen ich mich noch vor zwei Jahren rumgetrieben habe waren allesamt nicht mehr da. Es gibt noch Buchläden, oja, aber ausschließlich kleine, wunderschöne und meist spezialisierte Geschäfte, dort wird das Gefühl, die Emotion Buch noch gepflegt und gelebt. Auch als Kunst-Installation lebt das Buch! Die Bücher fliegen über der Straße…

Fliegende, aber leere Bücher

Fliegende, aber leere Bücher

…die Worte sind allerdings auf die Straße gefallen:

Ansonsten sind Bücher in allen möglichen Läden vorhanden, so ungefähr mit dem gleichen Stellenwert wie Postkarten. Die hat man halt im Sortiment. Solange es noch Leute gibt, die sie kaufen und verschicken und nicht nur bei foursquare einchecken.

Tja, und das Fernsehen im Mega-TV-Land? Meine Bekannten dort sind durch die Bank Nerds und Geeks, zugegeben. Sie alle sind übrigens begeisterte Leser und lesen dank ihren Readern und iPads mehr als jemals zuvor – auch physische Bücher! Und sie haben Fernseher. Aber Kabel-, Antennen- oder sonstigen TV-Anschluß? Fehlanzeige!

Vorgefertigte und mit Werbung durchsetzte Programme von Fernsehanstalten sind schlicht und ergreifend unerwünscht. Die Lösung: Das Internet. Über Streaming-Angebote wie www.netflix.com stehen so gut wie alle Filme und Serien für – im Verhältnis zu deutschen Angeboten – wenig Geld allzeit zum Anschauen bereit. Und wer keinen onlinefähigen Fernseher aber eine Spielkonsole hat, nutzt halt den entsprechenden Wii-, PS3- oder XBOX360-Kanal.

Und ganz ehrlich? derlektor hat auch schon bei Netflix seine Adresse hinterlassen, in der Hoffnung, dass dieser Dienst auch bald in Deutschland zur Verfügung steht. Und er hat per freiem Flughafen-WLAN in San Francisco für den Rückflug zwei eBooks auf seinen Kindle geladen. So war noch Platz für zwei Mitbringsel mehr aus dem Land der bisweilen doch so begrenzten Möglichkeiten.

Von Comic-Helden, Zigarren und warum Warsteiner alles versaut hat

Kennt ihr den Film Hellboy? Ganz nette Comic-Verfilmung für den faulen Freitagabend. Kann man als Geek theoretisch nicht viel falsch machen. Läuft gerade im Fernsehen. Vielmehr lief, denn die Kiste ist aus. Warum? Wegen Warsteiner!

Die mystische Anfangsgeschichte des Films ist erzählt, der auf der Seite des guten agierende Protagonist aus der Dämonenwelt bereitet sich auf seinen ersten Einsatz vor. Er nähert sich seinem nicht minder dämonischen und natürlich viiiel größeren Gegner, schleudert ihm unerschrocken einen lässigen Spruch entgegen und… “Warsteiner, alles was ein Bier braucht.”

Ein übler Interruptus. Eigentlich ja nichts Neues, aber mit zunehmendem Alter nervt es mich offensichtlich immer mehr. Und daher halte ich es jetzt wie Hellboy. Ich rauche eine Zigarre und trinke was Leckeres – allerdings einen Wein und KEIN Bier. Und lese ein Buch!

E-Books per WordPress oder Joomla! und der Joomla!Day 2011

Wer Blogbeiträge oder andere Webtexte in das E-Book-Standardformat EPUB  überführen will, hat gute Karten – sofern er WordPress oder Joomla! einsetzt. Für beide Systeme gibts kostenlose Erweiterungen, die einen Export erlauben.

WordPress

Für WordPress gibt es gleich mehrere EPUB-Exporteure:

Die mit Abstand am meisten Downloads hat Anthologize, die Bewertungen im Plugin-Directory von WP sind meist gut, allerdings nicht sonderlich aussagekräftig, da es zu wenige sind.

Joomla!

Für das mächtige CMS Joomla! steht mit Jpub aktuell nur eine Extension zur Verfügung, siehe http://bit.ly/pvzAx8. Auch hier sind die Besprechungen erstklassig, aber nicht sehr zahlreich.

Joomla!Day 2011 in Hamburg

Ach ja, wer Lust hat a) Joomla! und b) denlektor live kennen zu lernen, der komme doch am 2. und 3. September nach Hamburg! Dort findet der Joomla!Day 2011 statt (http://www.joomladay.de/). Zwei Tage lang gibt es erstklassige Vorträge rund um Joomla!, dazu die Gelegenheit mit den wichtigsten Vertretern der deutschen Joomla!-Community direkt zu plaudern. Der Ticketshop ist noch bis zum 15.08.2011 geöffnet.

Tja, und derlektor ist am Stand des Franzis Verlags vertreten und steht Rede und Antwort zu den Büchern und Lernpaketen, für die er dort verantwortlich ist, wie z. B.:

Warum haben so viele Verlage Angst vor Social Media?

Eines ist klar: Auf diese Frage gibt es mehr als nur eine Antwort. Aber eine davon könnte sein, dass die Verlage Angst vor dem direkten Kontakt mit ihren Kunden haben. Weil sie es nicht gewohnt sind. Bequemerweise gibt es den Buchhandel, der sich mit den Kunden herumschlagen muss. Er kriegt die meiste Haue, wenn irgendetwas mit unseren Produkten nicht stimmt, nur selten findet ein besonders hartnäckiger Leser den direkten Weg zum Verlag.

Dieser Puffer ist in Zeiten von facebook und twitter nicht mehr vorhanden und davor haben viele Verleger und Marketingverantwortliche meiner Meinung nach noch Angst und die daraus resultieren Optionen noch nicht verstanden. In einer XING-Gruppe zum Thema digitales Publizieren habe ich heute folgenden Satz gelesen:

“Eines der großen Themen, die uns in den Verlagen ja umtreibt, ist die Frage, wie wir unsere Zielgruppen in den Sozialen Netzwerken erreichen – wohlgemerkt nicht um zu kommunizieren, sondern um Verlagsprodukte zu verkaufen.”

Aus meiner Sicht steckt hier ein entscheidender Denkfehler: Nur wer sich der Zielgruppe stellt und bereit ist, direkt mit ihr zu kommunizieren, kann in Zeiten von Social Media erfolgreich sein. Natürlich geht es hier nicht darum, was es in der Verlagskantine zum Mittagessen gab, sondern um die Kommunikation über die Produkte selbst.

Die Verlage müssen es als Chance begreifen, dass mit den sozialen Medien das erste Mal – jenseits von Lesungen – ein unmittelbarer Kontakt zum Kunden möglich ist. Hier können die Produktverantwortlichen lesen, was die Kunden über das Produkt denken, ob es ihnen gefällt, ob sie es furchtbar finden, ob Fehler gemacht wurden, ob die Werbekommunikation stimmt und dergleichen mehr. Teure Marktforschung ade, hier geht das ganze DIREKT und die Leser tun es FREIWILLIG!

Wenn es die Verlage dies nicht zu nutzen und zu steuern verstehen, dann werden es andere übernehmen. Zum Beispiel die Autoren. Siehe Musikindustrie. Metallica hat mehr als 16 Millionen facebook-Fans, Linkin Park, mehr als 26 Millionen. Nicht das Platten-Label dahinter, nein, die Band! Jede dort veröffentlichte Banalität hat mehr als 1.000 Kommentare. Die Umsätze hinter einer Meldung, dass irgendein neues Lied oder Album jetzt neu zu kaufen ist, kenne ich nicht, aber ich bin sicher, dass sie uns alle erblassen lassen. Und je größer der Online-Anteil dieses Geschäftes wird, desto weniger werden die Plattenlabels dahinter gebraucht. Und damit auch der Handel.

Und auch bei den Büchern geht es los. Paolo Coelho hat mehr als 5 Millionen facebook-Fans, ist da aber noch eher eine Ausnahmeerscheinung. Und genau hier ist die Chance für uns Verlage: Social Media-Marketing muss eines unserer Assets werden, etwas was wir gezielt nutzen, um unsere besten Titel, unsere besten Autoren zu pushen und dem Leservolk aufs Maul zu schauen und ihm zeigen, dass wir ihre Meinung ernst nehmen.

So werden wir als Verlagsleute zwar auf einmal greifbar, aber gleichzeitig auch glaubwürdig. Und Glaubwürdigkeit und das resultierende Vertrauen – davon bin ich fest überzeugt – sind in der heutigen Zeit absolute Erfolgs-Schlüsselfaktoren geworden. Outen wir uns also als die Menschen, die aus den Manuskripten der Autoren die geilen Bücher machen, die da draußen in den Läden stehen. Wir müssen uns nicht verstecken, ganz im Gegenteil! Und wenn wir diesen Schritt wagen, dann können wir damit auch Geld verdienen.

Zeitfresser Social Web

Haben Sie vor lauter Web 2.0-Aktivitäten auch keine Zeit mehr, um Ihre Freunde zu treffen? Nein, nicht im Chat, sondern im Real Life, sprich Kneipe, Kino oder daheim beim Spieleabend? Der ernsthafte Social Webber ist jeden Tag schwer im Stress:

  • 4-5 Tweets auf twitter sind Pflicht, um die Follower nicht zu enttäuschen. Vom Lesen hunderter Tweets, diversen Retweets, Polls und DMs ganz zu schweigen.
  • Auch facebook will mit 1-3 Einträgen oder Fotos pro Tage gefüttert sein, sonst glauben die FreundInnen noch, man sei inaktiv. Außerdem dürfen Kommentare bei den Einträgen der anderen facebooker nicht fehlen, man will ja nicht ignorant erscheinen.
  • Als stolzer Kamerabesitzer muss auch flickr mit frischem Bildmaterial versorgt werden. Und wer dort seine Bilder pushen will, muss sich um Gruppenmitgliedschaften kümmern und brav andere Bilder kommentieren, um selbst Kommentare und Verlinkungen zu bekommen. Kleiner Tipp: Wer keine Zeit mehr hat, um neue Bilder zu schießen, sollte das Bildmaterial vom letzten Urlaub schön aufteilen, damit es bis zum nächsten reicht…
  • Die Word of Warcraft-Kumpels planen am Wochenende einen Raid und brauchen meinen Level 85-Paladin als Heal. Da kann ich nicht nein sagen, immerhin bin ich der Gildenmeister.
  • Bei xing dürfen 3-4 neue Kontakte pro Woche nicht fehlen, sonst rutscht der Aktivitätsindex noch unter 100% – für einen erfolgreichen Programmleiter völlig inakzeptabel. Also ist mal wieder Grübeln angesagt, wer sich von den Autoren, (Ex-)Kollegen, Kommilitonen, Kameraden und Schulkameraden da ebenfalls rumtreiben könnte.
  • Der eigene Blog verlangt nach neuen geistigen Ergüssen – einmal pro Woche sollte schon sein. Als gesellschaftskritischer Verlagsmensch sollte man ja eigentlich immer eine spannende Geschichte auf Lager haben.

Mein persönlicher Verlierer ist im Moment der Blog. Da die Texte im Vergleich zu den anderen am längsten sind, ist die Frequenz auf ca. einmal im Monat gesunken. derlektor gelobt Besserung. Aber wo nehme ich bloß die Zeit her?

Ein Stimmungsbild aus dem Kernland der Wirtschaftskrise

Die Amis sind schuld. Na gut, so einfach ist es nicht. Wenn die Bänker dieser Welt nicht so gierig gewesen wären und sich an die Empfehlungen gehalten hätten, die sie uns Kleinanlegern regelmäßig vor die Nase halten, wäre es anders gekommen. Vielleicht.

Wie dem auch sei, die Kreditkrise hat ihren Ursprung im American Way of Life, dem Selbstverständnis, dass jedem hart arbeitenden amerikanischen Bürger zumindest ein Haus und ein Auto zusteht. Dabei ist es egal, ob er viel verdient oder wenig, wer die Kohle nicht flüssig hat, bekommt sie günstig als Kredit. Und da die Wenigverdiener überraschenderweise in der Mehrzahl sind, hat es irgendwann BUMM gemacht und die unzähligen supergünstigen Kredite sind geplatzt. Ade, neues Auto und schönes Haus.

Was merkt man davon in drei Wochen als USA-Tourist? Auf den ersten Blick nichts. Es gibt – zumindest in New York und Kalifornien – nicht mehr Obdachlose und erkennbare Armut als früher. Die Leute frönen nach wie vor dem Power-Shopping und die Angebote in den Läden sind üppig wie eh und je. Aber mit den ersten Highway-Kilometern und Fernsehstunden ändert sich das Bild.

Die Immobilienkrise ist omnipräsent. Vor fast jedem dritten Haus prangt das Schild “For Sale”. Und zwar egal, in welcher Lage. Das betrifft Stadtwohnungen und Vorstadthäuser genauso wie Villen in Carmel-by-the-sea, Mailbu und Berverly Hills. Recherchiert man im Netz und spricht mit Einheimischen wird der aktuelle Trend deutlich: Die Hauspreise fallen rapide und das Verhältnis zwischen Eigentums- und Mietwohnung verschiebt sich in Richtung Miete. Wer also jetzt gerade Geld hat, könnte da drüben einige richtige Schnäppchen machen.

Im Fernsehen bildet die Finanzkrise das Grundrauschen der Nachrichten, das von anderen Meldungen lediglich durchsetzt wird. Irgendwie hatte man den Eindruck, die Hiobsbotschaften zur gerade aufkommenden Schweinegrippe wären eine Art willkommene Abwechslung für die Moderatoren.  Nachrichtensendungen in den USA wirken im Moment irgendwo schizophren: Einerseits das gefallene Damoklesschwert der Finanzkrise und andererseits die anhaltene Euphorie über den neuen Präsidenten. Irgendwie sind sie alle stolz darauf, dass sie sich getraut haben, einen schwarzen Demokraten zu wählen.

Auch in der Werbung wird die Krise deutlich. So wirbt Automarke Saturn damit, dass plötzlich arbeitslos gewordene Neuwagenkäufer, die ihr Auto per Kredit finanzieren, ihren Wagen nicht sofort zurückgeben müssen, sondern neun Monate Zeit haben, die Finanzierung zu regeln (http://www.youtube.com/watch?v=P9F2CNDTNJ4). Das nennt Saturn “Total Confidence”. Tja, Saturn gehört zu GM. Mal sehen, was “völliges Vertrauen” am Ende dieses Monats noch wert ist. Erinnert mich irgendwie an den FC Bayern und Jürgen Klinsmann.

In Großräumen wie San Francisco und New York scheint die Joblage noch einigermaßen unkritisch, irgendwo kommen die Leute unter. In geografisch isolierten Lagen wie Portland, Oregon sieht das schon anders aus. Wer dort seinen Job verliert, bekommt im direkten Umfeld nur schwer etwas Neues.

Irgendwie sind sie nicht mehr so selbstbewusst, die Amerikaner. 9/11 hat einen Schock ausgelöst, der noch lange nicht überwunden ist und das in ihrem Land begründete Finanzdebakel bringtden früher so stolz zur Schau gestellten Patriotismus ins Wanken. Und so wird ein schwarzer Präsident zum Symbol für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Wie sagte mein Chef in einer Redaktionssitzung trocken auf den zitierten Wahlspruch Obamas “Yes, we can.”? “Abwarten.”

Fernsehen, Internet & Co: USA vs. Deutschland

Drei Wochen USA. In Motels, im Auto auf dem Highway, in einem Loft in San Francisco. Wie nutzen die Amerikaner ihre Medien, gibt es Unterschiede zu den Deutschen? Klare Antwort: Ja. Und das Internet ist klar auf dem Vormarsch.

Im Zentrum des Medienkonsums steht – wie bei uns – immer noch der Fernseher. Eine unüberblickbare Anzahl an Sendern mit – im Gegensatz zu uns – meist bescheidener Empfangsqualität. Im Vergleich zu USA-Besuchen vor einigen Jahren hat sich nicht viel geändert, lediglich die Anzahl der spanisch- und chinesisch-sprachigen Kanäle in Motels/Hotels hat sich merklich erhöht. Die Anzahl der erstklassigen Spielfilme ist selbst an einem normalen Wochentag größer als bei uns an Ostern und Weihnachten zusammen (siehe http://www.schmid-meil.de/fernsehen/2009/der-oster-fernseh-blues/). Und die viele Werbung nervt schlimmer als in Deutschland. Die Blöcke sind zwar deutlich kürzer, aber dafür viel zahlreicher. Und: moderne TV-Geräte sind teurer als hierzulande. Deutlich teurer.

Wer im Auto unterwegs ist, hört Radio. Hier ist man mit den gleichen Problemen konfrontiert wie beim Fernsehen: Jede Menge Sender und mieser Empfang sobald man eine Stadt verlässt. Dazu reichlich Werbung. Auffällig sind die vielen christlichen Programme, die aber nicht nur irgendwelche Predigten und Gottesdienste übertragen, sondern ihre Botschaft mit knackigem Rock oder – in Kalifornien – Country zu verbreiten suchen.

Das letzte Mal war derlektor 2002 in den Staaten. Und er hat seine Motel-Auswahl nicht zuletzt nach dem Schild HBO available getroffen, das ein vernünftiges Fernsehprogramm versprach. Und heute? Free Internet war das Zauberwort und es war fast bei jeder Absteige zu lesen. Das Internet ist jenseits des großen Teichs noch stärker auf dem Vormarsch als hierzulande. In den Städten ist es vor allem in mobiler Form vertreten, die Dichte von iPhones und Blackberrys ist extrem hoch und die beiden Marken dominieren den Handymarkt deutlich. Mobiles Internet ist weitgehend flächendeckend vorhanden. Selbst mitten in der Mojavewüste war es möglich,  Twittereinträge zu schreiben, siehe http://twitter.com/derlektor.

Und das Kino? Zwei Filme haben wir uns angesehen, Monster vs. Aliens und X-Men Origins – Wolverine. Ersterer lief schon ein paar Wochen, in dem IMAX-Theater in Palm Springs saßen in der Abendvorstellung insgesamt vielleicht 10 Leute – höchstens. Allerdings ist ein Kinderfilm in einer Rentnerstadt vielleicht auch ein wenig schwierig zu vermitteln. Wolverine war gerade angelaufen, dennoch war der Kinosaal in der Geekstadt San Francisco lediglich zu vielleicht 80% belegt. Das Kino scheint selbst im Lande Hollywoods seine Probleme zu haben.

Fehlt noch was? Ach ja, die Zeitung. Selbst in der New Yorker U-Bahn war kaum jemand mit einer aufgeschlagenen Gazette zu sehen. Und amazon hat währenddessen seinen Zeitungs-Kindle vorgestellt, siehe http://www.golem.de/0905/66936.html.

Bücher hingegen haben weiter ihren Platz. Die Buchhandlungen waren üppig sortiert und zumindest nicht schlecht besucht. Im Nahverkehr und im Flugzeug ist das Buch neben dem MP3-Player das Medium Nummer 1.

Das Fazit ist somit nicht überraschend: Die traditionellen Medien verlieren gegenüber dem Internet, hier ist die Entwicklung in den USA weiter als in Deutschland. Das Handy wird intensiver genutzt als hier, zum Telefonieren und für Online-Dienste aller Art. Zeitungen und Zeitschriften verschwinden allmählich aus dem Tagesbild, mögen sie in Frieden ruhen.