Ein Stimmungsbild aus dem Kernland der Wirtschaftskrise

Die Amis sind schuld. Na gut, so einfach ist es nicht. Wenn die Bänker dieser Welt nicht so gierig gewesen wären und sich an die Empfehlungen gehalten hätten, die sie uns Kleinanlegern regelmäßig vor die Nase halten, wäre es anders gekommen. Vielleicht.

Wie dem auch sei, die Kreditkrise hat ihren Ursprung im American Way of Life, dem Selbstverständnis, dass jedem hart arbeitenden amerikanischen Bürger zumindest ein Haus und ein Auto zusteht. Dabei ist es egal, ob er viel verdient oder wenig, wer die Kohle nicht flüssig hat, bekommt sie günstig als Kredit. Und da die Wenigverdiener überraschenderweise in der Mehrzahl sind, hat es irgendwann BUMM gemacht und die unzähligen supergünstigen Kredite sind geplatzt. Ade, neues Auto und schönes Haus.

Was merkt man davon in drei Wochen als USA-Tourist? Auf den ersten Blick nichts. Es gibt – zumindest in New York und Kalifornien – nicht mehr Obdachlose und erkennbare Armut als früher. Die Leute frönen nach wie vor dem Power-Shopping und die Angebote in den Läden sind üppig wie eh und je. Aber mit den ersten Highway-Kilometern und Fernsehstunden ändert sich das Bild.

Die Immobilienkrise ist omnipräsent. Vor fast jedem dritten Haus prangt das Schild „For Sale“. Und zwar egal, in welcher Lage. Das betrifft Stadtwohnungen und Vorstadthäuser genauso wie Villen in Carmel-by-the-sea, Mailbu und Berverly Hills. Recherchiert man im Netz und spricht mit Einheimischen wird der aktuelle Trend deutlich: Die Hauspreise fallen rapide und das Verhältnis zwischen Eigentums- und Mietwohnung verschiebt sich in Richtung Miete. Wer also jetzt gerade Geld hat, könnte da drüben einige richtige Schnäppchen machen.

Im Fernsehen bildet die Finanzkrise das Grundrauschen der Nachrichten, das von anderen Meldungen lediglich durchsetzt wird. Irgendwie hatte man den Eindruck, die Hiobsbotschaften zur gerade aufkommenden Schweinegrippe wären eine Art willkommene Abwechslung für die Moderatoren.  Nachrichtensendungen in den USA wirken im Moment irgendwo schizophren: Einerseits das gefallene Damoklesschwert der Finanzkrise und andererseits die anhaltene Euphorie über den neuen Präsidenten. Irgendwie sind sie alle stolz darauf, dass sie sich getraut haben, einen schwarzen Demokraten zu wählen.

Auch in der Werbung wird die Krise deutlich. So wirbt Automarke Saturn damit, dass plötzlich arbeitslos gewordene Neuwagenkäufer, die ihr Auto per Kredit finanzieren, ihren Wagen nicht sofort zurückgeben müssen, sondern neun Monate Zeit haben, die Finanzierung zu regeln (http://www.youtube.com/watch?v=P9F2CNDTNJ4). Das nennt Saturn „Total Confidence“. Tja, Saturn gehört zu GM. Mal sehen, was „völliges Vertrauen“ am Ende dieses Monats noch wert ist. Erinnert mich irgendwie an den FC Bayern und Jürgen Klinsmann.

In Großräumen wie San Francisco und New York scheint die Joblage noch einigermaßen unkritisch, irgendwo kommen die Leute unter. In geografisch isolierten Lagen wie Portland, Oregon sieht das schon anders aus. Wer dort seinen Job verliert, bekommt im direkten Umfeld nur schwer etwas Neues.

Irgendwie sind sie nicht mehr so selbstbewusst, die Amerikaner. 9/11 hat einen Schock ausgelöst, der noch lange nicht überwunden ist und das in ihrem Land begründete Finanzdebakel bringtden früher so stolz zur Schau gestellten Patriotismus ins Wanken. Und so wird ein schwarzer Präsident zum Symbol für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Wie sagte mein Chef in einer Redaktionssitzung trocken auf den zitierten Wahlspruch Obamas „Yes, we can.“? „Abwarten.“

Fernsehen, Internet & Co: USA vs. Deutschland

Drei Wochen USA. In Motels, im Auto auf dem Highway, in einem Loft in San Francisco. Wie nutzen die Amerikaner ihre Medien, gibt es Unterschiede zu den Deutschen? Klare Antwort: Ja. Und das Internet ist klar auf dem Vormarsch.

Im Zentrum des Medienkonsums steht – wie bei uns – immer noch der Fernseher. Eine unüberblickbare Anzahl an Sendern mit – im Gegensatz zu uns – meist bescheidener Empfangsqualität. Im Vergleich zu USA-Besuchen vor einigen Jahren hat sich nicht viel geändert, lediglich die Anzahl der spanisch- und chinesisch-sprachigen Kanäle in Motels/Hotels hat sich merklich erhöht. Die Anzahl der erstklassigen Spielfilme ist selbst an einem normalen Wochentag größer als bei uns an Ostern und Weihnachten zusammen (siehe http://www.schmid-meil.de/fernsehen/2009/der-oster-fernseh-blues/). Und die viele Werbung nervt schlimmer als in Deutschland. Die Blöcke sind zwar deutlich kürzer, aber dafür viel zahlreicher. Und: moderne TV-Geräte sind teurer als hierzulande. Deutlich teurer.

Wer im Auto unterwegs ist, hört Radio. Hier ist man mit den gleichen Problemen konfrontiert wie beim Fernsehen: Jede Menge Sender und mieser Empfang sobald man eine Stadt verlässt. Dazu reichlich Werbung. Auffällig sind die vielen christlichen Programme, die aber nicht nur irgendwelche Predigten und Gottesdienste übertragen, sondern ihre Botschaft mit knackigem Rock oder – in Kalifornien – Country zu verbreiten suchen.

Das letzte Mal war derlektor 2002 in den Staaten. Und er hat seine Motel-Auswahl nicht zuletzt nach dem Schild HBO available getroffen, das ein vernünftiges Fernsehprogramm versprach. Und heute? Free Internet war das Zauberwort und es war fast bei jeder Absteige zu lesen. Das Internet ist jenseits des großen Teichs noch stärker auf dem Vormarsch als hierzulande. In den Städten ist es vor allem in mobiler Form vertreten, die Dichte von iPhones und Blackberrys ist extrem hoch und die beiden Marken dominieren den Handymarkt deutlich. Mobiles Internet ist weitgehend flächendeckend vorhanden. Selbst mitten in der Mojavewüste war es möglich,  Twittereinträge zu schreiben, siehe http://twitter.com/derlektor.

Und das Kino? Zwei Filme haben wir uns angesehen, Monster vs. Aliens und X-Men Origins – Wolverine. Ersterer lief schon ein paar Wochen, in dem IMAX-Theater in Palm Springs saßen in der Abendvorstellung insgesamt vielleicht 10 Leute – höchstens. Allerdings ist ein Kinderfilm in einer Rentnerstadt vielleicht auch ein wenig schwierig zu vermitteln. Wolverine war gerade angelaufen, dennoch war der Kinosaal in der Geekstadt San Francisco lediglich zu vielleicht 80% belegt. Das Kino scheint selbst im Lande Hollywoods seine Probleme zu haben.

Fehlt noch was? Ach ja, die Zeitung. Selbst in der New Yorker U-Bahn war kaum jemand mit einer aufgeschlagenen Gazette zu sehen. Und amazon hat währenddessen seinen Zeitungs-Kindle vorgestellt, siehe http://www.golem.de/0905/66936.html.

Bücher hingegen haben weiter ihren Platz. Die Buchhandlungen waren üppig sortiert und zumindest nicht schlecht besucht. Im Nahverkehr und im Flugzeug ist das Buch neben dem MP3-Player das Medium Nummer 1.

Das Fazit ist somit nicht überraschend: Die traditionellen Medien verlieren gegenüber dem Internet, hier ist die Entwicklung in den USA weiter als in Deutschland. Das Handy wird intensiver genutzt als hier, zum Telefonieren und für Online-Dienste aller Art. Zeitungen und Zeitschriften verschwinden allmählich aus dem Tagesbild, mögen sie in Frieden ruhen.