Ahnungslos im Internet

Im Internet steht angeblich alles und das auch noch kostenlos. Das ich nicht lache. Angeblich gibt es mittlerweile sogar Professoren, die ihren Studenten empfehlen, bei Wikipedia nachzuschauen, anstatt sich stundenlang durch Zeitschriftenjahrgänge in der Bibliothek zu wühlen.

Zugegeben, das klingt ja durchaus verlockend. Und für grundlegende Infos reicht Wikipedia auch völlig aus, aber die Seite leidet an der gleichen Krankheit wie alle Seiten im Netz: Die Inhalte sind nur so gut wie die Verfasser. Und nur so lange aktuell, wie sich jemand dafür interessiert und um die Einträge kümmert. Für jemanden, der ernsthaft wissenschaftlich arbeitet, also definitiv nicht ausreichend – das kann peinlich in der Prüfung werden.

Mit Webseiten ist es wie mit dem Weltraum-Müll: Da oben treiben jede Menge Trümmer von alten und kaputten Satelliten herum und gefährden die im Vergleich wenigen funktionierenden Geräte. Im Netz gibt es mittlerweile so viel Infomüll in Form ungepflegter Seiten und – noch gefährlicher – ungepflegter Einträge in ansonsten aktuellen Seiten, dass niemand mehr den Überblick behalten kann. Daraus folgt: Wirklich vertrauenswürdige Seiten sind selten und häufig nicht von Dauer.

Wie geht es Ihnen mit Bookmarks? Früher hat man noch mit dicken Bookmark-Ordnern geprahlt und damit gezeigt, dass man der Informationsflut Herr geworden und jede Info nur einen Mausklick entfernt ist. Bis es irgendwann so viele waren, dass man sich in den Tiefen der eigenen Lesezeichen-Struktur verlor und die Hälfte der Seiten ohnehin nicht mehr aktuell war.

Der Lektor hat heute im Schnitt 2-3 Browser auf jedem Rechner und je nach Einsatzzweck von Firefox, Safari und Opera überall ein paar Lesezeichen. Er nutzt das Internet jeden Tag im Schnitt 10 Stunden und auf wie vielen Seiten surft er durch die Gegend? Etwa 20 bis 30 pro Tag. Und auf wie vielen verweilt er länger als 10 Sekunden? Vielleicht 5. Also etwa genauso vielen, wie er früher Zeitschriftenabos hatte. Und die paar kann er sich merken.

A propos Perlen im Infomüll: Habe ich schon von unserem tollen World of Warcraft-Buch erzählt? Heute erhielt der Lektor von einem engagierten Spieler ein Exposé für ein WoW-Wörterbuch, das den MMORPG-Slang und die WoW-typischen Begriffe für Einsteiger verständlich machen wollte. Nette Idee, der Autor in Spe hatte sich viele Gedanken gemacht, aber anscheinend kannte er die Blizzard-eigenen Webseiten und Foren nicht. Unter http://forums.wow-europe.com/thread.html?topicId=16042168&sid=3 findet man 14 Seiten ausführliches Lexikon, vom Hersteller selbst betrieben und stets aktualisiert. Manchmal ist das Internet dann doch die vertrauenswürdigste Informationsquelle. Zumindest solange der Hersteller sein Produkt unterstützt.

Sie suchen nach einem Fazit? Das kann Der Lektor hier nicht liefern. Stattdessen vielleicht einen Rat: Glauben Sie nicht alles, was Sie im lesen – vor allem nicht im Internet. Schalten Sie Ihren gesunden Menschenverstand ein, prüfen Sie das Datum der Information bzw. der letzten Aktualisierung und googeln Sie manchmal nach markanten Textabschnitten. Sie werden staunen, wie oft Sie die Texte mehrfach finden. Manchmal ist dann auch die Originalquelle dabei. Und die ist – zumindest häufig – auch aktuell.

15 Tote die kein Gesetz hätte verhindern können

Ein depressiver Jugendlicher. Eine frei zugängliche Waffe. Das Resultat: 14 Morde und ein Selbstmord. 15 Familien in Agonie, Lehrer und Schüler einer Schule im kollektiven Schock, ein ganzes Land nimmt hilflos Anteil.

Selbst die Endzeit-Berichterstattung über die Finanzkrise hält inne und holt zwei Tage tief Luft, bevor sie mit neuer Wucht weiter Auflage mit der vermeintlichen Apokalypse des Kapitalismus macht.

Heute war Schweigeminute im Bundestag. Hätten die Herren Abgeordneten doch lieber weiter geschwiegen, denn an neuen Argumenten oder gar Lösungen zum Thema hatten sie nichts vorzuweisen. Stattdessen der übliche Aktionismus mit den üblichen Sündenböcken:

  1. Die Waffengesetze sind nicht scharf genug, bzw. deren Einhaltung wird nicht genügend kontrolliert. Letzteres klingt durchaus plausibel, immerhin. Aber an dieser Stelle mal eine Grundsatzfrage: Welcher Privatmann und Nicht-Jäger braucht zuhause einsatzfähige, großkalibrige Waffen und vor allem wozu? Kriegswaffensammler z.B. müssen ihren „Schätzen“ die Schlagbolzen entnehmen, damit niemand dadurch zu Schaden kommt.
  2. Killerspiele gehören verboten. Ich frage mich, wie viele Tausende Schüler und Studenten, Polizisten, Krankenpfleger, Manager und Politiker am Vorabend der Untat Far Cry, Counterstrike, Call of Duty oder andere Ego-Shooter gespielt und am nächsten Tag gelernt, geschuftet und sogar Leben gerettet haben.

Der Lektor hat als Kind selbst mit Plastiksoldaten Krieg gespielt, als Jugendlicher stundenlang Castle Wolfenstein und Doom gezockt und hat genau gewusst, wo und wie er im Familienumfeld an eine geladene Schusswaffe herankommt. Und er hatte auch depressive Phasen, aber dazu das Glück da ohne ärztliche Hilfe wieder rauszukommen.

Tim K. war depressiv. Haben Sie in letzter Zeit versucht, bei einem Therapeuten einen Termin zu bekommen? 3-4 Wochen oder gar Monate Wartezeit sind die Regel. Haben Sie, ein Verwandter oder ein Freund sich mal als depressiv geoutet? Sie glauben gar nicht, wie viele Ihrer Bekannten auf einmal die Hand heben und sagen „Ich auch“.

Wir haben mehr als drei Millionen Depressionskranke in Deutschland und unsere ach so tolle Leistungsgesellschaft gebiert jeden Tag neue Patienten, die dem Druck in Arbeit, Schule und daheim einfach nicht mehr standhalten können.

Tim K. war depressiv. Und er hatte freien Zugang zu einer Waffe samt Munition. Normalerweise sind Depressive in erster Linie selbst gefährdet. Aber manchmal sind sie eben auch gefährlich. Daran wird kein Gesetz und kein Verbot jemals etwas ändern.

Der CeBIT-Fluch

Seit geraumer Zeit ist es jedes Jahr das gleiche Spiel: Man fährt nach Hannover auf die CeBIT, schaut sich um, ist enttäuscht, denkt an vermeintlich glorreiche und längst vergangene Zeiten und fragt sich, wie lange es die Messe noch gibt. Dann fährt wieder nach Hause und denkt darüber nach, ob man sich das Ganze  nächstes Jahr wieder antun sollte oder nicht. Um dann doch wieder hinzugondeln. Aber erstmal die finale Pressemitteilung abwarten, die Systems hat sich ja auch schon erledigt.

Was war dieses Jahr besonders frustrierend? Der Lektor hat die Consumerbrille aufgesetzt und sich auf die Jagd auf – nein, die Fahndung nach interessanten Technologien für den Normalo-Tekkie begeben. Die ersten Hallen strotzten vor dreibuchstabigen Abkürzungen: ERP, CRM, CMS, ECM. Alles Business-Kram. Eine Beobachtung am Rande: vieles wurde auf 24′-iMacs präsentiert und auf den meisten lief Windows Vista.

Danach kamen die ehemals heiligen Hardware-Hallen. Früher herrschte hier eine Stimmung wie auf der Games Convention (die es ja nicht mehr gibt): Hunderte drängten sich um die Stände der renommierten Hersteller, um einen Blick auf die neueste Grafikkarte, den neuesten Prozessor oder das neueste Mainboard zu werfen. Und heute? Der Lektor war zwei Hallen lang der einzige Europäer in Sichtweite und hatte das Gefühl, auf einer Messe in Shanghai oder sonstwo in Fernost zu sein. Es herrschten zwei Dinge vor: gebrochenes Englisch und gähnende Leere.

Gut, es war ein Mittwochnachmittag, aber trotzdem: vor wenigen Jahren hätte man sich durch Reihen von schwitzenden Jugendlichen drängen müssen und dabei den Anzug verknautscht, das Problem gab es diesmal nicht. Selbst in der intelgesponsorten Games-Halle, in der blass- und pickelgesichtige Schattenwesen die Continental Finals Europe von Counter-Strike und World of Warcraft spielten, war nicht viel los. Und das um 15:00!

Mein persönlicher Gradmesser für den Zustand einer Messe sind die Giveaways. Ich habe sage und schreibe 15 (!!!) Minuten gebraucht, bis ich einen Kugelschreiber erbeuten konnte. Hallo? Früher hatte man nach drei Minuten mindestens fünf Kugelschreiber in jeder Körperöffnung stecken, ob man wollte oder nicht. Immerhin, die Giveaway-Flaute hat dazu geführt, dass unser Kundenpräsent  – die halbe Auflage eines kleinen Buches zu einem RAW-Converter von uns samt Testversion – restlos unter die Leute kam. Man höre und staune: Ein Buch!