Geschichten aus 1.001 E-Book

Der Auftrag

Es begann mit einem Anruf. Kurz nach einem Seminarauftritt zum Thema E-Book-Workflow beim mediacampus in Frankfurt im Sommer klingelte mein Telefon. Die Anfrage: Ob ich nicht Lust hätte, genau dieses Seminar im November noch einmal zu halten, diesmal allerdings unter etwas anderen Rahmenbedingungen: Auf Englisch. Simultan übersetzt. Vor arabischen Verlegern. In Amman, Jordanien. Veranstaltet von der Buchmesse Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut vor Ort.

Namensschild

Nachdem mein Unterkiefer seine vor Erstaunen kurzfristig aufgegebene natürliche Position wieder eingenommen hatte, lachte die Abenteuerlust den aufkommenden Davonlauf-Reflex kurz aber nachhaltig aus und ich sagte zu. Glücklicherweise war ich nicht allein – geteilte Vorfreude ist doppelte Vorfreude. Zwar konnte Frauke Prayon von bookwire, mit der ich das mediacampus-Seminar gehalten hatte, leider nicht mitkommen, aber ihr Chef Jens Klingelhöfer sprang für sie in die Bresche.

Die Anreise

Nach ein paar Wochen Vorbereitung mit englischsprachigen PowerPoint-Orgien, Abstimmungen und Recherchen über den arabischen Buch- und E-Book-Markt war es dann Mitte November soweit. Jens und meinereiner bestiegen in Frankfurt den Flieger Richtung Queen Alia International Airport Amman. Auf den vier Stunden Flug in einer halbleeren Maschine war sogar ein klitzekleines Mützchen an Schlaf drin – zumindest für mich, Jens war in die Untiefen seiner E-Mails abgetaucht.

Schon vor der Ankunft wurde die erste Besonderheit dieser Reise deutlich, denn es gab ein wenig Verwirrung um den Zeitunterschied zwischen Jordanien und Deutschland. Normalerweise beträgt er eine Stunde, aber diesen Winter sind es zwei. Warum? Der jordanische König hatte keinen Bock auf Winterzeit. Auch ne Ansage.

Mitten in der Nacht kamen wir an, kauften für 20 Jordanische Dinar (Abk. JD, etwas mehr wert als der Euro) unser Visum, wurden von einem Fahrer abgeholt und landeten ca. 15 Minuten später in der ersten Polizeikontrolle. Die dauerte allerdings nur eine halbe Minute, denn die Auskunft, dass wir deutsche Fahrgäste seien, schien der Maschinenpistole mit dem Polizisten dahinter zu genügen, um uns weiterfahren zu lassen. Schön, einen guten Ruf zu haben.

Nach etwa 30 Minuten Fahrt erreichten wir unsere Unterkunft und gleichzeitig den Veranstaltungsort des Workshops, das Landmark Amman Hotel.

Landmark

Mitten in der Stadt gelegen, fünf Sterne, durchaus gediegen. Die Sicherheitsvorkehrungen vor dem Eingang erinnerten allerdings daran, dass dieses Hotel einmal Radisson heiß und vor fast genau acht Jahren Ziel eines Al-Qaida-Terroranschlags war. Die heutige Sicherheitslage in Jordanien ist allerdings unbedenklich, so zumindest mein Eindruck. Polizei- und Militärpräsenz sind hoch, aber die Stimmung ist entspannt, das Land bezeichnet sich zurecht gerne als die “Schweiz Arabiens”.

Ausflug nach Petra

Nach ganzen drei Stunden Schlaf begann der eintägige private Teil der Reise, ein Ausflug in die Felsenstadt Petra, dem wohl berühmtesten Reiseziel Jordaniens. Von Amman aus sind es drei Stunden Fahrt mit dem staatlichen JETT-Bus zu einer der wohl beeindruckendsten historischen Stätten der Welt.

JETT Bus nach Petra

Auf der Wanderung durch den Siq (eine etwa 1,5 km lange, enge Schlucht) verflog unsere Müdigkeit und spätestens der Anblick des berühmten Schatzhauses von Petra verschlug uns den Atem. Vor 2.000 Jahren lebten dort bis zu 40.000 Menschen in einer gleichermaßen gemauerten wie aus dem Fels gehauenen Stadt mit Theatern, Tempeln und florierendem Handel, bevor sie etwa 500 Jahre später nach einigen schweren Erdbeben verlassen wurde und verfiel. Nach einem Kreuzzügler-Intermezzo im 12. Jahrhundert wurde die Stadt erst 1812 für die westliche Welt wieder entdeckt und seit 1920 archäologisch bearbeitet und touristisch genutzt.

Petra Schatzhaus

Arabien und sein Buchmarkt

Vor den Eindrücken aus dem Workshop ein kurzer Blick auf Arabien als Markt für Bücher; zunächst aus sprachlicher, dann aus geografisch-politischer Sicht:
Etwa 250 Millionen Menschen sprechen Arabisch als Amtssprache, 380 Millionen als Mutter- oder Zweitsprache. Zum Vergleich: Es gibt weltweit knapp 100 Millionen deutsche Muttersprachler, dazu kommen etwa 80 Millionen Menschen, die sich Deutsch als Fremdsprache angetan haben. Wir Deutschsprachler sind also etwa halb so viele.

“Arabien” ist kein Kontinent, kein geografisch oder politisch geschlossenes Gebilde, ja nicht einmal ein irgendwie geordneter Wirtschaftsraum. Es besteht aus etwa 23 Ländern, die in der Arabischen Liga vertreten sind. Der Iran und in der Türkei gehören nicht dazu, aber dort wird Arabisch als Minderheitensprache gesprochen. Von all diesen Menschen sind übrigens heute etwa 85 Millionen bereits online, in 5 Jahren werden es wohl 150 Millionen sein.

Also eigentlich ein richtig spannender Markt für Medien jeglicher Art, sollte man meinen. In der Theorie. In der Praxis gibt es Gründe, warum das alles nicht so einfach ist. Wir EU-Bewohner sind es gewohnt, alles und jedes in Europa günstig und unkompliziert bestellen oder verschicken zu können. Nicht so in Arabien. Dort gibt es Zölle, Ein- und Ausfuhrsteuern, lange Lieferzeiten und staatliche Zensur – all das ist in jedem Land verschieden. So kann es sein, dass der Verkauf eines Buches in einem Nachbarland aufgrund dieser für uns mittlerweile fast schon archaisch anmutenden Maßnahmen wirtschaftlich sinnlos wird, da es zum doppelten Preis verkauft werden müsste als im Ursprungsland, um die Zusatzkosten zu decken.

Es gibt auch kein länderübergreifendes Distributionssystem, welches sich dieser Probleme annehmen würde, nach so etwas wie unseren Barsortimentern würde sich die arabische Welt die Finger lecken. Die Antwort darauf sind die Buchmessen, die eine nach der anderen in den verschiedenen arabischen Ländern stattfinden. Die Verleger haben dort ihr halbes Lager dabei und verkaufen ihre Waren direkt vor Ort an die lokalen Buchhändler. Und so zieht die Buchkarawane Jahr für Jahr durch Arabien – auch eine Methode.

Das E-Book als Heilsbringer?

Mit diesem Hintergrundwissen beginnt man, dass starke Interesse an dem Thema E-Book zu verstehen. Im Internet spielen die meisten der oben genannten Hindernisse kaum eine Rolle, man hofft also, eine deutlich breitere Leserschaft zu erreichen als es mit den physischen Produkten unter den geschilderten Bedingungen möglich ist. Aber ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht.

Ein großes Problem ist immer noch die arabische Schrift. Zwar ist das arabische Alphabet im Unicode enthalten, doch gibt es noch keine vernünftige Umsetzung in arabischer Schrift verfasster EPUBs, selbst Apples iBooks versagt hierbei (noch). Ergo programmieren die arabischen E-Book-Kollegen eigene Reader-Apps für iOS und Android, die all die Besonder- und Gemeinheiten ihrer Schrift vernünftig darstellen und sind somit Apple, amazon und Google einen Schritt voraus.

Auch die staatliche Zensur macht die Online-Marktplätze bei der inner-arabischen Vermarktung schwierig. Was in einem Land völlig unproblematisch zu verkaufen ist, gilt im Nachbarland eventuell als tabu. Und mit etwas Pech werden dann nicht nur einzelne Bücher auf den Online-Shops geblockt, sondern gleich die komplette Website.

Ach ja, einen Unterschied zur westlichen E-Book-Welt darf man nicht vergessen. Da es dort weder amazon noch Kobo noch Tolino gibt, existieren keine E-Ink-Reader in Arabien, als Lesegeräte kommen dort Tablets und Smartphones zum Einsatz. In den reichen Golfstaaten ist Apple mit iPad und iPhone gut vertreten, aber Samsung ist mit seiner Galaxy-Serie absolut auf Augenhöhe – ich habe noch nirgends so viel Samsung-Werbung gesehen wie in Amman. Und von wegen, Arabien sei irgendwie rückständig! Mit meinem drei Jahre alten HTC Desire HD habe ich höchstens mitleidige Blicke geerntet, jeder Falafel-Verkäufer an der Ecke war da moderner ausgestattet…

Der Workshop

Am nächsten Tag begannen die Vorbereitungen für unseren Workshop: Aufbau der Technik, Herrichten des (leicht überdimensionierten) Seminarraums, letzter Schliff an den Präsentationen und ein erstes Eingrooven mit unseren beiden arabischen Co-Referenten Bilal Zahra und Jordanien und Salat Chebaro aus dem Libanon. Bilal Zahra betreibt mit einem Partner die arabische E-Bool-Plattform eKtab (http://www.ektab.com/) und leistet in Jordanien echte Pionierarbeit für digitale Buchprodukte. Salat Chebaro gehört einer libanesischen Verlegerfamilie an, deren Online- und E-Book-Aktivitäten er leitet (http://www.neelwafurat.com). Ohne den Input der beiden hätten die Workshop-Teilnehmer sicher nicht ganz so viel mit nach Hause genommen, denn ihre lokalen Kenntnisse und Erfahrungen waren wertvolle Ergänzungen. Danke, Jungs!

Bilal und Salah

Tja, und dann ging es los. Vor Jens und mir saßen im Durchschnitt etwa 25 Verleger und Verlegerinnen aus Jordanien, dem Libanon, Ägypten, dem Irak, Algerien, Saudi-Arabien und vor allem Syrien. Von der top-gestylten und hochintelligenten Kinderbuchverlegerin aus Jordanien über den Chef der syrischen ISBN-Agentur, einen Professor der Universität in Bagdad bis hin zum Koran-Kommentar verlegenden Scheich war alles dabei.

Ich will euch nicht lange mit den Inhalten des Workshops behelligen, die Reaktionen und Sorgen der Teilnehmer dazu sind viel interessanter.

Tag 1

Jens gab einen Überblick über den globalen E-Book-Markt und einen kurzen Ausblick, was die nähere Zukunft wohl so bringen wird. Die Reaktion des Publikums: verhalten und höflich zurückhaltend.

Die Workshop Teilnehmer

Danach stellte ich ein paar Geschäftsmodelle für digitale Produkte vor. Also Pay-per-download, Abo- bzw. Lending-Modelle und digitale Services aller Art. Die Reaktion: Es wurde etwas lauter gemurmelt, die ersten Fragen tauchten auf, die Gehirnwindungen kamen in Schwung und es fiel erstmals das Wort „Piraterie“.

Weiter ging es mit meinem Leib- und Magenthema E-Book-Produktentwicklung und -Workflow. Hier wurde am steigenden Diskussionsbedarf schnell deutlich, dass eigenständige digitale Produkte in den Gedanken nur eine geringe Rolle spielten, sondern man das E-Book in erster Linie als Zweitverwertung von Print-Content sah – mit all seinen Gefahren wie Kannibalisierung, Piraterie, Preisverfall usw. Das hat mich sehr an Diskussionen in Deutschland erinnert. So in etwa vor zwei Jahren. Oder sechs Monaten. Und vermutlich auch wieder in 2014.

Am Abend hatte ich mein Hauptpensum des Workshops erledigt und war ganz schön fertig. O-Ton Jens Klingelhöfer: „Du siehst so aus, als solltest du erstmal fünf Minuten die Wand anstarren.“ Vor Zuhörern aus einem fremden Kulturkreis simultan gedolmetscht auf Englisch zu sprechen, haut beim ersten Mal ganz schön rein!

Für das perfekte Ende dieses Tages sorgten unsere beiden Co-Referenten. Bilal entführte uns in ein Einheimischen-Restaurant in der Altstadt von Amman – was soll ich sagen, es war ein Fest der Gaumenfreude!

 Tag 2

Mittlerweile hatten die Teilnehmer Vertrauen zu uns gefasst und tauten auf. Nach einem kleinen Teamwork zur Umsetzung der Inhalte des Vortages übernahm Jens das inhaltliche Ruder und präsentierte Vermarktungsstrategien für digitale Produkte, gefolgt von einem weiteren Teamwork.

Hier nahm das Publikum richtig Fahrt auf. All die oben bereits geschilderten Probleme und Hoffnungen bei Vermarktung und Vertrieb von Büchern kamen auf den Tisch und wurden bisweilen heiß diskutiert – unsere Co-Referenten waren ebenfalls in vollem Einsatz. Hier wurde sehr deutlich, dass diese Veranstaltung nicht nur dem Informationsgewinn, sondern zunehmend auch dem Informationsaustausch diente. Den letzten Programmpunkt des Tages mussten wir schließlich auf den Folgetag verlegen, es wäre einfach zu schade gewesen, die vielen fruchtbaren Diskussionen abzubrechen.

Abends war dann Jens mit einer Runde erholsamen Wand-Anstarrens an der Reihe, bevor es bei einem kleinen aber feinen Empfang im Goethe-Institut von Amman weiter ging. Unsere Organisations-Queen Iris Klose von der Frankfurter Buchmesse war sich nicht ganz sicher, wie viele der Workshopper auch wirklich kommen würden, aber letztendlich war die Bude richtig voll, wie man hier deutlich sieht.

Empfang Goethe-Institut

Zu guter Letzt verfrachteten uns Bilal und sein Partner in ein Taxi und wir landeten in einem literarischen Shisha-Cafe in der Altstadt. Versorgt mit Tee, frischen Früchten und einer leckeren Shisha verbrachten wir mit etwa zehn Workshop-Teilnehmern einen langen, entspannenden Abend mit vielen guten Gesprächen.

Shisha Bar

Tag 3

Am dritten Tag war der Workshop bis mittags geplant, damit im Anschluss alle Teilnehmer wieder rechtzeitig nach Hause reisen konnten. Jens quälte die Zuhörerschaft mit der Bedeutung von Metadaten, ONIX, digitaler Auslieferung und Qualitätsmanagement – schwere, aber wichtige Kost am Morgen.

Nach der vom Scheich vehement eingeforderten Kaffeepause wurde es noch einmal laut, denn das Abschlussthema des Workshops war Recht. Verträge aller Art, DRM und das leidige Thema Piraterie gaben zu lautstarken Diskussionen Anlass, bei denen ein weiterer Unterschied zwischen der arabischen und der westlichen Welt deutlich wurde: Die Bedeutung und damit auch die rechtliche Stellung des geistigen Eigentums.

Klingelhöfer und Schmid-Meil in Action

Während bei uns die große Piraterie-Panik vorbei ist und man sich mental an manchen Ecken der Branche schon auf den Verzicht auf DRM einstellt, spielt die Sicherheit der Daten vor Missbrauch in Arabien eine entscheidende Rolle für die Weiterentwicklung des E-Book-Marktes.

Die Skeptischen unter uns sorgen sich um böse Teenager und arme Studenten, die sich teure Bücher auf illegalen Websites und auf Tauschbörsen besorgen (Seid doch froh, wenn die überhaupt mal was lesen!) und packen im Zweifelsfall die juristische Keule aus, die in der Regel zielsicher trifft. Und genau diese Keule funktioniert in Arabien nur selten oder es gibt sie gar nicht erst.

Mangelhafte Gesetze zum Schutz des Urheberrechts und fehlende Verfolgung von Verstößen haben eine Atmosphäre des Misstrauens geschaffen, die wie ein bleierner Nebel über der Buchszene liegt. Unter diesen Bedingungen schreibt schon mal ein Verlag vom andern ab, stets in dem Wissen, dass die Klauerei höchstwahrscheinlich ungestraft bleibt.

Ergo scheint der Vormarsch des EPUB-E-Books nur unter harten DRM-Bedingungen in weitgehend geschlossenen Systemen möglich, was über Reader-Apps auf iOS- und Android-Endgeräten kein großes Problem darstellt. Die Angst ist durchaus verständlich, durch geklaute PDFs haben schon viele Verleger eine Menge Geld verloren, die Printumsätze sind in der Folge bis zu 50% abgesackt. Ob dieser Zustand so bleiben muss, sobald sich der Markt entwickelt hat, wird die Zeit zeigen.

Wobei auch das Gegenteil eintreten kann, diese Anekdote eines jordanischen Wissenschafts-Verlegers kann ich euch einfach nicht vorenthalten:
Von einem seiner erfolgreichsten Bücher geriet ein PDF in Umlauf und wurde fleißig unter den Studenten, aber in den Lehrkörpern der jordanischen Universitäten verbreitet. Und so gelangte es auch in den Besitz eines der führenden Professoren des entsprechenden Fachgebiets, der das Buch ausgezeichnet fand und sogleich zur Pflichtlektüre für alle Studenten dieses Fachs in Jordanien erklärte. Als Printausgabe wohlgemerkt.

Die Bilder der kleinen, aber feinen Farm, die sich der Verleger mit dem Erlös der dadurch verkauften Bücher gekauft hat, waren ziemlich beeindruckend…

Der Abschluss

Zu guter Letzt gab es ein gemeinsames Mittagessen, jede Menge Gruppenfotos, viele Umarmungen, viel Freundlichkeit und Herzlichkeit. Jens und ich hatten es anscheinend geschafft, uns nach der kühlen Begrüßung in die Herzen der Zuhörer gequatscht zu haben – ein schönes Gefühl.

Lektionen

Eine Lektion mussten wir aber noch lernen, naja, eigentlich zwei.

Lektion 1: Der Islam

Der Scheich konnte uns nicht gehen lassen, ohne uns über die Vorzüge des islamischen Glaubens aufgeklärt zu haben. Also rief er uns an einem Tisch zusammen, winkte einen gut englisch-sprechenden Verleger aus Syrien als Übersetzer heran und erklärte uns in knapp sieben Minuten den Islam. Reife Leistung. Aber mindestens die Hälfte davon kannte ich schon und zwar aus der Bibel!

Da neben Jens und mir mit Iris Klose eine Frau mit am Tisch saß, hat er uns allerdings keine Jungfrauen im Himmelreich versprochen, sondern lieber eine riesengroße Perle und ein Haus aus Gold und Silber. Weichei! ;-)

Lektion 2: Die Gewalt ist nah

Einer der syrischen Teilnehmer berichtete uns, dass er für die normalerweise etwa zwei Stunden lange Autofahrt von Damaskus nach Amman 24 Stunden gebraucht hatte. Und dass er mitten durch Bürgerkriegsgebiet gefahren ist, nur um bei unserem Workshop dabei zu sein. Das lässt einen ziemlich nachdenklich werden und fühlt man plötzlich einen ziemlich dicken Kloß im Hals…

Als unser Mitreferent Salah Chebaro heim nach Beirut geflogen war, gab es dort einen Anschlag auf die irakische Botschaft. Solche Nachrichten hab ich schon hundertfach gelesen, gesehen und gehört. Aber sobald du jemanden aus dieser Stadt kennst und schätzt, horchst du ganz anders auf und machst dir Sorgen. Auf jeden Fall ist mein Respekt vor den Menschen deutlich gestiegen, die unter solchen Bedingungen leben, arbeiten und sich eine positive Einstellung zum Leben bewahren.

Ich hoffe, dass dieser Wahn- und Unsinn dort unten bald ein Ende hat!

Eine heilige Stätte

Unser Flieger Richtung Heimat ging erst in der Nacht, also waren noch ein paar Stündchen Zeit für private Aktivitäten. Während Jörg noch Freunde in Amman besuchte, fuhren Iris, eine algerische Verlegerin und ich zum Mount Nebo, bekannt aus dem biblischen Buch Deuteronomium:

Am gleichen Tage sprach der Herr zu Moses: „Steige auf das Gebirge Abarim hier, auf den Berg Nebo im Lande Moab, gegenüber von Jericho! Schau das Land Kanaan, das ich den Israeliten als Eigentum verleihen will! Sterben sollst du auf dem Berg, auf den du steigst, und dich zu deinen Stammesgenossen scharen, wie dein Bruder Aaron auf dem Berg Hor gestorben ist und zu seinen Stammesgenossen versammelt wurde!“

Geschaut haben wir auch, allerdings war es ziemlich dunstig, die Küste des Toten Meeres war mehr zu erahnen denn zu sehen. Beim Blick in Richtung Westbank und Israel erzählte unser Palästina-abstämmiger Taxisfahrer, dass er seine Schwester in seinem 50 km entfernten Heimatort nicht besuchen darf,  er könnte ja bleiben wollen, das würden sie israelischen Behörden nicht zulassen. Seine Schwester kann ihn in Jordanien aber problemlos besuchen, wenn sie in Jordanien bliebe wäre es ja wieder ein Palästinenser weniger im israelischen Hoheitsgebiet. Harte Geschichte.

Mount Neebo

Ein syrisches Hammam in Amman

Ein absoluter Höhepunkt erwartete Jens und mich noch am Abend. Unsere unermüdlichen Gastgeber Bilal und Hashem sammelten uns ein und fuhren mit uns, einem ägyptischen und einem syrischen Verleger in Ammans Altstadt und schleppten uns in ein Hammam. Also nicht so ein Wellness-Anfänger-Warmduscher-Teil wie es sie bei uns manchmal gibt, sondern ein richtiges, ausschließlich von Syrern betrieben.

Wir betraten also in einem Seitengang mitten in einer arabischen Landeshauptstadt zusammen mit arabischen Verlagskollegen ein völlig exotisch anmutendes (und völlig damenfreies) Badehaus, bekamen Tee und einen heißen Zitronensaft mit Zucker. Dann wurde die Einheitskleidung in Form eines verdammt eng gewickelten Handtuchs angelegt und es ging in Teamstärke kellerwärts in die Sauna. Danach kurz abgeduscht und weiter ins Dampfbad, gefolgt von einem heißen Whirlpool – alles in 1.001-Nacht-Optik, absolut großartig.

Doch all das hatte nur einen Zweck: unsere Haut auf ihre Befreiung von all dem vorzubereiten, was sich mit einem ordentlichen Schrubber-Handschuh entfernen lässt. Und dann lag ich also da auf einer Marmorbank und ein alter, freundlicher, unregelmäßig bezahnter Syrer schrubbte sich in die unteren Regionen meiner Haut voran, zeigte seine Ausbeute lachend seinen Kollegen und überließ mich mit einem tiefen Gefühl der Unzivilisiertheit seinem deutlich jüngeren und muskulöseren Kollegen, der sich nun der Entspannung der verkrampften Schreibtischtätermuskulatur widmete. Nach den ersten Schmerzen hätte ich das Ganze noch eine ganze Weile länger ausgehalten, aber ich habe den Verdacht, dass unsere Gastgeber bei den Hammam-Mitarbeitern für uns um Gnade beim Härtegrad der Behandlung ersucht hatten.

Danach wurde man kunstvoll in gefühlte zwölf Handtücher eingewickelt und sowohl blank gewienert als auch poliert zum Entspannen zurück in den Eingangsbereich geführt. Tee, Zigaretten, viele Fotos, viel Gelächter, so endete ein herrlicher und traumhaft schöner Abend. Im manchen Momenten kam mir das so surreal vor, dass ich mich am liebsten gekniffen hätte, um den Realitätsgrad zu überprüfen, aber spätestens der Schrubber-Handtuch machte das überflüssig…

Hier gibt es übrigens keine Fotos, darüber breiten wir das Handtuch des Schweigens ;-)

Fazit

Naja, eigentlich IST dieser Bericht bereits ein Fazit, wenngleich ein verdammt langes. Die Eindrücke waren mannigfaltig und intensiv, die Leute unglaublich herzlich und freundlich, sobald sie Vertrauen zu uns gefasst hatten. Was bleibt, ist mal wieder die Erkenntnis, dass es uns in Deutschland und Europa im Verhältnis verdammt gut geht – kein Krieg, wenige Wirtschafts-Barrieren, kaum spürbare Grenzen.

Davor tritt der ganze E-Book-Kram etwas in den Hintergrund, aber ich glaube, dass digitale Publikationen einige der Grenzen und Beschränkungen im Handel mit Information, Wissen, Religion und Kultur in Arabien überwinden können und die Verlage gut daran tun, ihre Contents und Angebote frühzeitig zu digitalisieren.

Ich sage vielen Dank an Judith Hoffmann vom mediacampus Frankfurt und Iris Klose von der Frankfurter Buchmesse for giving me this chance, an meine Chefs beim GRIN Verlag, dass ich diese Chance wahrnehmen konnte und ebenso an bookwire-Chef Jens Klingelhöfer, von dem ich jede Menge gelernt habe. Äh, und wo fahren wir das nächste Mal hin?

Evolution live: Der digitale Graben in der Buchbranche

Berlin, Juni 2012. Die Buchbranche begeht die AKEP-Jahrestagung und die Buchtage. Und obwohl dahinter EIN Verband und EINE Branche stehen, tut sich ein digitaler Graben auf und einige der Mitstreiter auf beiden Seiten sind entsetzt. Sind sie das zurecht?

Die AKEP-Jahrestagung #akep12

Es geht um Piraterie, um E-Books, um Technik, um das Sein am digitalen Puls der Zeit. Und der AKEP lädt sich mit Sascha Lobo und Gunter Dueck zwei kritische Keynoter ein, die uns – vermeintlich ohnehin schon fortschrittlichen Branchenstreitern – pointiert und intelligent aufzeigen, dass wir eigentlich ganz schön hinten dran sind. Und das erzeugt bei uns Innovativen natürlich weiteren Innovationsdruck.

Den Umgang mit dem Thema Piraterie fand ich auf AKEP-Seite übrigens ziemlich souverän. Es wurden NICHT irgendwelche Leute kriminalisiert, die mal ein illegales PDF ziehen, weil es das E-Book legal nicht gibt. Es wurde NICHT wild drauf los gejammert, wie böse denn die Welt sei und der Untergang des Abendlandes wurde ebenfalls NICHT heraufbeschworen. Nach Meister Lobos Keynote war dazu eigentlich das meiste gesagt.

Für mich war es die erste AKEP-Jahrestagung, insofern fehlt mir der Vergleich zu den bisweilen kritisch gesehenen Veranstaltungen der letzten Jahre. Ich empfand die Atmosphäre als konstruktiv, als offen und vor allem als produktiv. Da wurde nicht mehr hinterfragt, ob das ganze elektronische Zeug überhaupt Sinn macht, da wurden konkrete Antworten und Lösungen gesucht. Ärmel hochkrempeln und los. Verlage, Dienstleister, Zwischenhandel, Buchhandel, alle waren da. Meine Kommissionssitzung zum Thema E-Books war voll, und es war – das fand ich extrem erfreulich – das kritischste Publikum, dem ich bislang gegenüber stand.

Also eine Branche im Aufbruch? Getragen von Technik-Nerds in konstruktiver Zusammenarbeit mit aufgeschlossenen Verlegern und Buchhändlern, die auch in Kindle-Zeiten an eine stationäre Zukunft glauben? Und – wie Gunter Dueck beschwor – in lustvoller Begeisterung für die neuen Medienformen?

Die Buchtage #btb12

Wer von so viel Innovations-Euphorie beschwingt die Eröffnungsrede der Buchtage von Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder hörte, hatte das Gefühl in vollem Lauf gegen eine Mauer zu knallen. Es fühlte sich so an, als würde vieles von dem negiert oder sogar kriminalisiert, was die am Tag zuvor skizzierten neuen Geschäftsmodelle und Produkte ausmacht. Und das in einer Rhetorik, die arrogant und herablassend wirkte. Die Stimmung der Twitter-Berichterstattung wendete sich innerhalb von Minuten von Sonnenschein zu Regenwetter. Aber dazu gleich noch mehr.

Weiter ging es mit der Rede von Hanser-Verleger Michael Krüger. By the way – was für eine erstklassige Rhetorik! Von Herrn Honnefelder so effektiv Begeisterungs-gestoppt war auch hier viel Konservatives, ja gar Reaktionäres zu hören. Ein Loblied auf vergangene Zeiten, gespickt mit Verweisen und Zitaten von Schriftstellern, von denen ich zu behaupten wage, dass die durchschnittliche Zuhörerschaft höchstens die Hälfte gekannt hat, es aber niemals zugeben würde! Aber dafür gebe ich zu, dass ich nur ein Fachbuchmensch und literarisch nicht besonders belesen bin.

Den Rest des Veranstaltung habe ich mir geschenkt, das hätte mich vermutlich zur Weißglut getrieben. Aber als ich im Zug nach Hause per Twitter dem Geschehen weiter folgte, gingen mir ein paar Gedanken durch den Kopf…

#akep12 vs. #btb12 – Die Untertöne

Also: Wer als innovativer AKEPler auf den #btb12 Reaktionäres hören wollte, der wurde reichlich bedient. Aber wer sich die Rede von Herrn Krüger nochmal in Ruhe durch den Kopf gehen lässt, hört dort auch andere Töne heraus. Er spannte den Bogen von seiner Wut über die aktuelle Urheberrechtsdebatte, über seine persönliche Historie und seine Begeisterung für den literarischen Boom der Nachkriegsjahre bis hin zur Gegenwart. Einer Gegenwart, die ihm nicht gefällt, die er in manchen Teilen nicht versteht und die ihm zu kurz- und zu schnellebig ist.

Aber – und darauf kommt es meiner Meinung nach an – er akzeptiert neue Entwicklungen als Evolution. Und genau das zeichnet für mich einen mutigen Verleger der Gegenwart aus! Wider das eigene Bauchgefühl Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, sie im eigenen Unternehmen zuzulassen und sich Leute zu suchen, die sie umsetzen können. Ich hatte das Glück, während seiner Rede neben einer von mir hochgeschätzten Hanser-Mitarbeiterin aus dem Bereich E-Books zu sitzen, die genau aus diesem Grund von ihrem Chef begeistert war.

Und als ich zwei Tage später mit einer alles andere als rückwärts gewandten Buchhändlerin sprach, erzählte sie mir begeistert, wie sich Gottfried Honnefelder bei einer kritischen Begebenheit persönlich für sie eingesetzt hätte. Und das auch noch hocheffektiv und pragmatisch, also mit Eigenschaften, die wir Digitalos auch ganz toll finden. Sprich, manchmal sollten wir uns vielleicht erstmal selbst an die Nase fassen und nachdenken, bevor wir schlecht über andere schreiben. Ich tippe übrigens gerade einhändig.

Jetzt verstand ich auch, warum mir Honnefelders Tonfall so missfiel – ich war nicht die Zielgruppe, seine Rede war nicht für mich. Holla, da gibt es ja noch andere außer uns in der Branche. Wir wettern gegen die “Alten” und werden von ihnen gleichzeitig entweder ignoriert oder als Bedrohung gesehen – so kam es  zumindest bei mir an. Und wenn mir etwas Sorgen bereitet, dann so etwas. Dass wir uns in derselben Branche gegenseitig bekämpfen, dass der Graben zu tief wird. Wir müssen dringend aufhören, das Ding tiefer zu buddeln und die dafür verschwendete Energie woanders rein stecken.

Mein Fazit

Aber bevor mir jemand vorwirft, ich würde Harmonisiererei betreiben: Mir ist bei einem richtig guten Mittagspausengespräch mit einer AKEP-Kollegin aufgegangen, was bzw. wer mich eigentlich so richtig nervt an diesem digitalen Graben bei uns in der Branche. Das sind NICHT Honnefelder oder die Evangelisten der digitalen Boheme. Denn beide stehen für etwas, sie haben eine Meinung, sie kämpfen für ihre Ziele und die Leute, die ihnen vertrauen. Das respektiere ich. Mich nerven diejenigen, die bei Honnefelder UND Dueck gleichermaßen begeistert klatschen, die ihr Fähnchen nach dem Wind drehen und die keine Stellung beziehen. Die bringen uns nämlich nicht voran.

Wer sich bewusst für die eine Seite oder die andere Seite des Grabens entscheidet bzw. Brücken baut, wer seine Kunden kennt und deswegen konsequent seinen Weg geht, vor dem ziehe ich meinen Hut. Als GRIN-Programmleiter weiß ich auf welcher Grabenseite ich stehe, als AKEPler versuche ich mich als Entwicklungshelfer im Brückenbau bzw. als Erdbebenbekämpfer, damit der Graben nicht zu groß wird.

Wer heute als Verlag jammert, dass er seinen Lesern leider keine E-Books anbieten kann und dann über die bösen Piratenseiten schimpft, meint damit, dass er E-Books nicht will – das Können ist heute nicht mehr das Problem. Und wer glaubt, dass Printbücher etwas besseres sind als E-Books und eine Gefahr für das Gute in der Welt, möge in Schockstarre verhaftet bleiben. Das passt schon. Macht nur. Es gibt ja uns.

Ich finde das alles nicht mehr schlimm, sondern eigentlich sogar ganz gut, denn so funktioniert Evolution nun mal. Für diejenigen, die nächstes Jahr immer noch zaudern und deswegen keine digitalen Produkte und Services auf die Reihe bekommen, für die hätte ich übrigens ein passendes Geschenk. Es ist ein Buch. Der Autor: Charles Darwin. Der Titel: Über die Entstehung der Arten. Natürlich die E-Book-Ausgabe. ;-)

 

Google Play: Das Online-Imperium baut seinen Todesstern

Autor: Fabian Kern, Lektor: Peter Schmid-Meil

Seit März heißt der Android Marketplace nun Google Play – statt dem grasgrünen Roboter-Männchen-Look hat der App-Shop nun eine sachliche, aufgeräumte Oberfläche. Was für Kunden, Partner und Beobachter des Suchmaschinen-Konzerns zunächst wie ein harmloser Facelift aussieht, ist wohl weit mehr: Nämlich der erste Schritt zum Aufbau einer breit angelegten Infrastruktur für ein rein Browser-basiertes Technik-Ökosystem, das Google zum Spitzenreiter in der Online-Content-Vermarktung von Medien aller Art machen soll.

In der Endausbaustufe, in Amerika bereits in weiten Teilen realisiert und online, wird Play folgende Komponenten umfassen, die alle auf tiefer Integration mit den einzelnen Strängen von Googles Technologie-Strategie beruhen:

1. Play als integrierte Shop-/Download-Plattform für Content und Apps

  • Audio: Durch Rechtevereinbarungen mit Musik-Anbietern wie Universal, EMI, Sony sowie der Rechteverwertungsagentur Merlin kann Google Music mit einem Start-Sortiment von geschätzten 13 Millionen Stücken an den Start gehen. Die Partnerschaft mit Merlin erlaubt ein rechtssicheres Angebot auch für die Bands von Independent-Labels wie z. B. Rough Trade, PIAS, Epitaph oder Naxos.
  • Video: Zum kompletten Content-Pool von youtube.com als Plattform für user generated Video kommen Filme und Serien kommerzieller Anbieter als kostenpflichtiger Download hinzu. Neben dem Kauf ist eine Verleih-Funktion/ Online-Videothek integriert.
  • E-Books: Zusätzlich zum kostenpflichtigen Angebot der Verlage als Content-Lieferanten stellt Google die kompletten Ergebnisse seiner Digitalisierungs-Initative als Pool ein. Die Preview-Funktion, die in Deutschland als Google Book Search bekannt und direkt in die Suchmaschine integriert ist, führt hier nahtlos zum Content, falls dieser für Verkauf/Download zur Verfügung steht.
  • Android Apps: Die Apps aus dem ehemaligen Marketplace werden nun über Play angeboten. Während die meisten der Anwendungen für Privatkunden nach wie vor kostenlos sind, profitiert Google von der Umsatzbeteiligung an den wenigen Top-10-Titeln aus dem Gaming-Bereich. Ähnlich der Unternehmenspolitik bei den Suchmaschinen-Tools werden die Business-Apps für Geschäftskunden als Cash Cows herangezogen.

Kostenlose und bezahlpflichtige Inhalte aus allen Bereichen werden in Play also nebeneinander angeboten und durch die Indexierung der Suchmaschine komplett über google.com suchbar. Jeder Content-Link ist mit den üblichen Share/Like-Funktionen für Social Networks verbunden.

2. Player/Reader für den Content im Browser

Ein Killer-Feature von Play ist die Tatsache, dass die Player bzw. Reader für alle Content-Typen HTML5-basierte Webanwendungen sind und somit ohne zusätzliche Software direkt im Browser ausgeführt werden – also ein fundamentaler Unterschied zu Apple iTunes und Microsofts MediaPlayer. An dieser Stelle macht sich für Google die Unterstützung diverser Open Source-Initiativen im Media-Bereich bezahlt:

  • Audio: MP3-Dateien kann mittlerweile jeder gängige Web-Browser abspielen – dass bei den Google-Tools hier auf diesen weitgehend offenen und nur für Hardware-Hersteller lizenzpflichtigen Codec gesetzt wird, ist also kein Wunder.
  • Video: Nach dem Kauf des Video-Technologie-Unternehmens On2 im Februar 2010 und der Veröffentlichung von VP8 als lizenzfreiem Video-Codec führt das WebM-Projekt die Welle der Implementierungen in frei verfügbaren Bibliotheken an. Google wiederum profitiert von diesem “Geschenk an die Open Source-Szene” indirekt dadurch, dass jeder Content-Anbieter einen modernen Video-Codec verwenden kann, ohne dass Lizenzstreitigkeiten als Damokles-Schwert über seinem Geschäftsmodell schweben. Also: Ein freier Codec für alle.
  • E-Book: Vor dem Hintergrund des Books-Moduls von Play wird auch das Engagement von Google im Readium-Projekt verständlich. In dieser Initiative für eine Referenz-Implementierung des EPUB3-Standards wird ausschließlich auf HTML5-Technologien gesetzt, und auch das technische Setup zeigt klar die Stoßrichtung für die Zukunft. Der E-Book-Reader ist nichts anderes als ein in Javascript geschriebenes Plugin für Googles Chrome-Browser. Durch enge Kooperation der Entwicklerteams ist mittelfristig geplant, die EPUB-Darstellung direkt in die Backend-Bibliothek WebKit zu integrieren. Da WebKit nicht nur in Chrome, sondern auch in E-Book-Readern wie iBooks (Apple) oder dem neuen Kindle-Browser (Amazon) als Bibliothek für HTML-Rendering und Javascript-Interpretation verwendet wird, wäre der Gewinn für Entwickler, Content-Anbieter und Kunden ganz erheblich: Eine durchgehende, einheitliche und verlässliche Browser-Unterstützung für EPUB3 als E-Book-Branchenstandard für alle wichtigen Readersysteme. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass für amazons Kindle, Apples iBooks und Googles Play nur EINE einzige E-Book-Produktionsstrecke nötig ist.

Readium als HTML5-EPUB-Reader liegt zwar erst in der zweiten Alpha-Version 0.19 vor und ist noch weit von voller EPUB3-Unterstützung entfernt, aber EPUB-2.0-E-Books sehen darin bereits jetzt ziemlich gut aus – und das in einem Browser:

Quelle/Copyright: Fabian Kern, unter Verwendung von Content der Haufe Gruppe

Was bei Testern aus der Welt der PC-Zeitschriften immer wieder für Verwunderung und hämische Kritiken sorgt, ist die Tatsache, dass alle Tools und Werkzeuge in der Regel bereits im Alpha- oder Beta-Stadium live gestellt werden. Doch dieses Vorgehen hat Methode: Durch den frühen Projektstart, das Offenlegen der technischen Daten, Schnittstellen und oft sogar des Quellcode profitiert Google in seiner agilen Entwicklungspolitik immens durch das Feedback von tausenden Open-Source-Entwicklern und hunderttausenden Kunden, die als Beta-Tester unter realen Bedingungen die stetige Verbesserung der Systemlandschaft möglich machen.

3. Die Wolke als Content-Speicher

Alle über Play erworbenen Inhalte werden in einem bei Google gehosteten Cloud-Speicher vorgehalten. Sie stehen damit auf jedem Gerät des Nutzers zur Verfügung, auf dem ein Browser läuft – ohne Notwendigkeit zur Synchronisation von Inhalten oder Download der Dateien. Für den Gebrauch ohne Online-Verbindung können Inhalte zwar auch über das Offline-Browsing-Feature von HTML5 lokal repliziert werden, notwendig ist dies aber nicht. Für Gerätehersteller, die auf Google-Technologien setzen, ist das ein zentraler strategischer Vorteil: Festplatten und lokaler Speicher können deutlich kleiner gehalten werden als dies z. B. unter Apples iOS möglich ist, die Leistungsfähigkeit der Geräte-Akkus als limitierender Faktor für die Weiterentwicklung der Hardware wird damit zumindest teilweise umgangen. Der Nachteil dieses schlanken Systemaufbaus: Ohne Online-Anbindung geht nicht viel.

Übrigens ist auch der Upload von eigenen Dateien in den meisten üblichen Dateiformaten möglich. Die Daten werden im selben Cloud Storage gehalten wie gekaufter Content; alle Inhalte werden mit dem Google-User-Account verknüpft und in Google+ integriert. Der Speicherplatz ist zwar bei den kostenlosen Nutzerkonten nicht unbegrenzt, dürfte aber selbst für große Medienbibliotheken einige Zeit reichen (z. B. 20.000 Musik-Dateien – selbst audiophile Sammler wie der Autor haben hier eine Weile zu tun, bis der Speicher voll ist).

Für den Kunden wird das ganze einmal so aussehen:

Quelle/Copyright: Google

Der nächste Schritt – ein Native Client für Apps im Browser

Soweit, so gut, Player und Reader im Browser gibt es also für Audio, Video und E-Books, aber was ist mit den Apps? Dazu passt frisch aus den Google Labs ein Software-Projekt mit dem für Nicht-ITler zugegeben kryptischen Namen “Native client”. Dahinter verbirgt sich ein innovativer Ansatz zur Erweiterung eines Browsers um die zentralen Funktionen eines Betriebssystems. Dabei werden zwei Komponenten in den Browser integriert:

  1. Der eigentliche “Native client”, eine schlanke und hochperformante C-Bibliothek zur Ausführung von nativen C/C++-Anwendungen innerhalb einer Application-Sandbox des Browsers. Auf Deutsch: Der Browser wird zum Betriebssystem – und dabei ist es irrelevant, ob er unter Windows, Mac OS oder was auch immer läuft. Er kann Programmcode ausführen und verfügt über eine eigene Speicherverwaltung,  Anzeige und UI-Rendering der laufenden Anwendungen übernimmt dabei WebKit als HTML5/CSS/Javascript-Bibliothek.
  2. Eine Hardware-Abstraktionsschicht namens “Pepper”: Hier sind die Bibliotheken für File-Input/Output, Audio/Video-Ansteuerung und UI-Rendering realisiert, die an die konkrete Hardware des Gerätes weitergeleitet werden müssen, damit eine Anwendung auf die Systemressourcen zugreifen kann.

Das Anwendungsmodell sieht dabei etwa so aus:

Quelle/Copyright: Google, Native Client Project

Dass parallel mit Dart als Anwendungssprache und Go als Sprache für Server-Funktionen und Systemprogrammierung von Cloud-Applikationen zwei weitere Entwickler-Komponenten veröffentlicht werden, ist sicher kein Zufall: Neben einer modernisierten, auf die Google-Infrastruktur angepassten Anwendungsumgebung deutet sich in den technischen Spezifikationen die Möglichkeit an, ähnlich wie im Silk-Browser von Amazon sogar die Rechenoperationen der Applikationen je nach Notwendigkeit auf den Hardware-Client und Cloud-Services aufzuteilen.

Gelingt es Google, dieses Modell stabil, performant und sicher zu realisieren, wäre das ein Quantensprung für die App-Entwicklung, denn damit wäre es möglich, native Anwendungen in C/C++/Javascript direkt im Browser und unabhängig von der Hardware des Gerätes auszuführen. Sprich, Google Play inklusive aller Apps funktioniert auf jedem Gerät, auf dem ein Browser läuft – völlig egal, welcher Prozessor, welcher Speicher dort eingebaut ist und völlig egal, welches Betriebssystem darauf läuft. Also jedem SmartPhone, PC, Mac, Tablet, E-Book-Reader, jeder Spielkonsole, jedem modernen Fernseher, überall!

Google Play und sein Backend – eine Sammlung von Killer-Applikationen?

Für Europa wird dieses Szenario sicher noch für einige Zeit Zukunftsmusik bleiben, zum einen wegen der hierzulande umstrittenen und fragmentierten Urheberrechts-Situation für den Content, zum anderen weil das für Online-Ökosysteme notwendige Breitband-Internet über Mobilfunk noch lange nicht flächendeckend verfügbar ist. Die komplette Content-Integration im Browser ist jedoch bereits eine so moderne Weiterentwicklung der Konzepte, die Apple wie Amazon durch ihre weitgehend proprietären und geschlossenen Hardware/Software-Kombinationen realisieren, dass Google sich durch seine reine Online-Orientierung quasi als Parasit in alle anderen Ökosysteme einnisten kann, auf denen Chrome als Browser lauffähig ist.

Kann darüber hinaus aber auch noch der Native-Client-Ansatz technisch sauber realisiert und in der Entwickler-Szene durchgesetzt werden – hier sind noch viele Fragen offen bei kritischen Themen wie Sicherheit oder Datenhoheit  – wäre das nicht weniger als ein breit angelegter Großangriff auf alle anderen Ökosysteme, Hardware- und Software-Anbieter auf einmal. Ob das gelingt, da bin ich gespannt, denn Google Play und der Native Client sind noch lange nicht fertiggestellt und voll einsatzfähig, aber ein Stück vom Todesstern ist bereits sichtbar. So stellt sich die Frage, wann es heißen wird “Schalten Sie die Hauptzündung ein…”

Quelle/Copyright: Lucasfilm Ltd.

E-Book – The Next Generation: amazons neues Kindle-Format KF8

Autoren: Peter Schmid-Meil, Fabian Kern

Welch Ehre: Das amazon-Kindle-Team höchstselbst hatte geladen, um einen Überblick des neuen Kindle-Formats 8 (KF8) zu geben. Dazu war eigens Alan Gilchrest, seines Zeichens Sr. Manager Product Management für das Kindle Format aus der Konzernzentrale in Seattle angereist und hat sich unseren Fragen gestellt. Was also bietet KF8, was ist neu und was funktioniert eventuell nicht mehr?

Zuerst ein kurzer Blick zurück

Vier Jahre ist das aktuelle Format Mobi7 alt, in dem alle E-Books auf den bisher in Deutschland erhältlichen Kindle-Modellen dargestellt werden. Originales EPUB zeigen die Kindles nicht an, amazon wandelt diese Daten um, bevor sie in den Kindle Store wandern. Die Darstellungsmöglichkeiten von MOBI sind beschränkt und in etwa vergleichbar mit dem HTML-Standard 3.2, der bereits 1997 durch HTML 4.0 ersetzt wurde – höchste Zeit also für eine Aktualisierung.
Für Mitmenschen, die noch Zeitzeugen der ersten Browserkriege waren: Die Kindle Reader können mit MOBI etwa so viel HTML und CSS darstellen wie der Internet Explorer 4.0 vor 10 Jahren, nämlich nahezu NICHTS.

Zurück in die Gegenwart bzw. Zukunft

Somit bedeutet dieses Technical Preview ein riesengroßes Aufatmen – amazon überspringt mit KF8 gleich zwei Generationen der Web-Entwicklung und steigt direkt im Jahre 2012 wieder ein und schließt damit zu Apples iBooks auf. Denn KF8 verspricht rein technisch eine weitgehende Unterstützung von HTML5 und CSS3. Das bedeutet zum Beispiel konkret:

  • Reflow Layouts, die für die jüngste Generation E-Book-Reader erstellt wurden, werden nun auch für den Kindle sinnvoll konvertiert und dargestellt. Die Zeit des “Tag für Tag”- und “CSS-property für CSS-property”-Testens, ob die EPUB-Dateien auch wirklich auf der amazon-Plattform ankommen, könnte also bald vorbei sein.
  • Fixed Layouts mit präziser Stylekontrolle werden möglich. Wer sich dafür entscheidet, verliert allerdings die Vorzüge von klassischen EPUB-Features wie z. B. der Schriftgrößenveränderung mit automatischem Neuumbruch.
  • Für alle Content-Lieferanten, die bereits eine EPUB-Produktionslinie auf Basis des momentanen Stands der Technik aufgebaut haben: wer Standard-konformes HTML/CSS für seine Inhalte verwendet, kann sich darauf verlassen, dass seine Inhalte nicht mehr wie Kraut & Rüben beim Kindle ankommen, sondern so wie sie sollen.
  • Eingebettete Schriftarten, d.h. eine Typographie, die ihren Namen verdient, wird möglich. Heißa! (zumindest wenn man stolzer Besitzer von OTF/WOFF-Types ist)
  • Audio- und Videounterstützung. Das ist echtes Enhancement, das kann Papier definitiv nicht. Klingt erstmal super, könnte aber im Detail schwierig werden. Denn es ist noch ist noch klar, welche Codecs und Formate hier funktionieren.
  • Verbesserte Tabellendarstellung, vor allem eine iBooks-ähnliche Overlay- und Zoom-Funktion.
  • Verbesserte Darstellung von Grafiken und Bildern. Egal wie groß sie sind, sie  lassen sich in eigenem Fenster öffnen. Zwei-Finger-Pinch-and-Zoom à la Apple heißt die Devise, v.a. bei den Touch-Devices a la Kindle Fire (so sie dann mal in D erhältlich sind).
  • Panel Views, also z. B. die gezielte Vergrößerung und Hervorhebung von Texten oder Abbildungen werden Standard-Funktion. Ideal für Comics oder Kinderbücher, vermutlich auch für Kochbücher. Bildunterschriften oder kurze Text-Erklärungen zu Bildern und Grafiken lassen sich als sogenannte “Text Pop-Ups” definieren und per Antippen vergrößern.
  • Interaktive und dynamische Contents. Definitiv ein Schlüsselfaktor für die Enhanced E-Books von morgen! HTML5 erlaubt das Einbetten von Programmcode, sprich von Funktionen wie man sie bislang nur von Programmen und Webseiten kennt wie z. B. Spiele, interaktive Grafiken etc. Aber was hier genau unterstützt wird und vor allem wann, ist noch nicht ganz klar. Sagen wir mal, wir freuen uns auf die nächste Technik-Session mit amazon und reden in 2013 nochmal drüber :-) Ob am Ende anspruchsvolle Mehrwert-Anwendungen wie Multiple Choice-Tests in E-Books, bedingt angezeigte Texte aufgrund Leserentscheidungen etc. möglich werden, oder nur audio-visuelle nette Goodies a la “die Sonnenblume auf der Buchseite lacht auf, sobald der Leser auf das Bild tippt” – da lassen wir uns mal überraschen und hoffen auf den maximalen Kundennutzen.
  • Eine Interaktion mit Online-Inhalten – also ähnlich wie bei Web- oder Hybrid-Apps für SmartPhones – wird es bis auf weiteres wohl nicht geben. Das dürfte einen der Hauptunterschiede zwischen E-Books und Apps darstellen.

Beispiele und passende Tools finden Sie unter www.amazon.com/kindleformat.

Ein EPUB für alle!

Wer sich bereits mit Apple iBooks intensiv auseinandergesetzt hat, dem mag das alles ein müdes Gähnen entlocken, unterstützt iBooks doch HTML5/CSS3 schon länger. Aber genau hier werden KF8 und die neuen Kindles so richtig effektiv. Bislang waren für eine optimale Darstellung von E-Books auf beiden Plattformen unterschiedliche Dateien notwendig, alles andere war ein Kompromiss. Diese Zeiten sind jetzt vorbei – mit einer EPUB-Datei und identischen, darin eingebetteten HTML/CSS-Dateien sind beide Reader richtig gut bedienbar.

Und wer noch mehr Differenzierung für den “Feinschliff” braucht – die beiden Kindle-Plattformen KF8/Mobi sind nun per CSS-Media-Queries addressierbar, sprich die Darstellung richtet sich nach dem Reader, auf dem sie angezeigt wird.  Wenn also alles andere nichts hilft, um auf wirklich allen Readern die gewünschte Darstellung zu erreichen: Fragen Sie den Webdesigner ihres Vertrauens und lassen sie sich auf Basis derselben HTML-Daten zwei oder mehr verschiedene CSS-Ausgaben erstellen.

Als Basisdaten für KF8 sind - Jubelrufe sind erlaubt – EPUB3- oder HTML5-Dateien erlaubt. Ein weiterer Vorteil: Trotz der größer werdenden Vielfalt der Kindle-Geräte genügt trotzdem eine E-Book-Datei. Für jede Kindle-Variante wird automatisch die richtige Version ausgeliefert. Über Kontroll-Tools wie den Kindle Previewer und KindleGen sind eine ziemlich genaue Vorschau und eine passende Konvertierung jederzeit möglich.

Webkit als Anzeige-Maschine

Aber was passiert, wenn man KF8 so richtig ausnutzt? Ein voll aufgerüstetes Enhanced E-Book funktioniert am besten auf dem neue Reader-Flaggschiff, dem Kindle Fire. Als modifiziertes Android-Tablet verfügt er über einen leistungsstarken Prozessor und verwendet einen Webkit-Browser zur Anzeige von E-Books – ein analoges Verfahren nutzt übrigens Apple, die iBooks-App basiert auf dem Webkit-Browser Safari.

A propos “Webkit” – die Nachricht, dass die neue amazon-Reader-Plattform nun auch auf dieser Backend-Bibliothek aufsetzt, entlockt dem Autor dezente Jubelrufe – weniger weil man Fan dieser Open-Source-Bibliothek ist (das sowieso), sondern weil das eine enorme Arbeitserleichterung bedeutet. Denn nun setzen alle E-Reader-Plattformen der zweiten Generation – iBooks (Apple), Readium (Adobe, Google, Sony, etc.) und Kindle (amazon) –  auf derselben Engine für die Darstellung von HTML/CSS und die Interpretation von Javascipt auf!

Auf Deutsch: Die Zeit, in der wir Verlage ganze Heere an Dienstleistern damit beschäftigen müssen, “low level-testing” für viele verschiedene EPUB-Browser zu praktizieren wie in den schlimmsten Zeiten der Web-Jungsteinzeit, nur um eine Text-Darstellung zu erreichen, bei der man nicht beide Augen zudrücken muss, um ein Produkt aus dem Haus zu lassen, könnte in 1-2 Jahren vorbei sein. Und wir können unsere Leute dafür einsetzen, wirklich werthaltige Dinge zu tun, z. B. coole Produktdesigns entwickeln, neue Geschäftsmodelle unterstützen, sich endlich über echten Kundennutzen Gedanken zu machen usw… Klasse, ich freu mich drauf.

Und was ist mit den “alten” Kindles?

Auch ältere Kindles – sprich die beiden bisher in Deutschland verkauften Varianten mit und ohne Keyboard – werden per Systemupdate auf KF8 aktualisiert. Also sind auch hier keine Sonder-EPUBs für ältere amazon-Reader nötig, die Verlage können sich also entspannt zurücklehnen.

Tja, und was geschieht, falls der Kunde ein Enhanced E-Book kauft und keinen Kindle Fire sein Eigen nennt, sondern “nur” ein älteres Gerät? Auch hier gibt es Abhilfe. Zuerst zur Optik: Über die o.g. Media Queries ist es möglich, das genutzte Endgerät zu erkennen und das Layout per CSS anzupassen – ohne zu Inhalte anfassen zu müssen.

Jetzt zur Funktionalität: Ist ein Endgerät nicht in der Lage z. B. eine per JavaScript gesteuerte Funktion auszuführen, bleibt das E-Book dennoch in seiner Gesamtheit nutzbar. Jede nicht umsetzbare Technik wird je nach den Möglichkeiten des genutzten Kindle Stück für Stück abgeschaltet, so bleibt immer der maximale Funktionsumfang erhalten. Dieses Vorgehen ist unter dem Begriff “graceful degradation” bekannt und sorgt erfahrungsgemäß für minimale Fehlerquoten.

Wer auf einen modernen Kindle upgradet verliert übrigens keine persönlichen Daten. Notizen, Lesezeichen und Markierungen sollen beim Umzug auf das neue Gerät laut amazon erhalten bleiben.

Unser Fazit

F8 in Einheit mit EPUB3 bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass nun Enhanced E-Books mit exakten Layouts und erweiterten Funktionen möglich sind. Erlaubt ist, was mit HTML5, CSS3 und JavaScript machbar ist – und das ist eine ganze Menge! Mehr denn je sind Verlage gefordert, sich diesen Technologien zu stellen, sich entsprechendes Know-how anzueignen und ihre Produktentwicklung den neuen Möglichkeiten anzupassen.

Erfreulich war die Offenheit, mit der amazon diese Informationen weitergegeben hat, bitte weiter so! Allerdings schade, dass wir trotz mehrfachen Nachfragens keine genauen Termine für den Rollout von KF8 und das Erscheinen der neuen Kindles auf dem deutschen Markt erfahren konnten. Aber für das zukunftssichere Erstellen von EPUBs ist KF8 für die nächsten Jahre ein echter Fortschritt.